Lass die Waffe falln

Es gibt Augenblicke, die kann man sich nicht erträumen. Gerade war so einer.

Die letzte Woche war knüppelhart. Am Anfang stand noch ein Urlaubstag. Dann begann eine Arbeitswoche, wie ich sie lange nicht erlebt hatte. Gipfelpunkt: Ein Freitag mit 14 Stunden unterwegs. Uff. Zeit zum Verschnaufen, wa. Aber Verschnaufen, was ist das? Das ist Definitionsfrage.

Für mich kann Erholung so aussehen: Ersteinmal ausschlafen. Wenn es die Umgebung denn erlaubt. Ich wohne in einem ziemlich ruhigen Teil der Spree-und-Havel-Metropole. Im Frühjahr beenden allenfalls Nachtigallen meinen Schlaf ein paar Stunden vor dem Zeitpunkt, den ich als ideal ansehe. 🙂 Jetzt ist Winter (der diesmal in Berlin gar nicht nach Winter aussieht), da sind die Nachtigallen noch im Afrika-Urlaub. Safari der Singvögel, Ihr wisst schon, auf Großkatzen mit Schallgeschossen, hihi…

So sehr ich Naturlaute schätze, ich halte gerne mal mechanisch oder notfalls elektronisch dagegen. Bevorzugt mit Musikinstrumenten. Und auch das ist reine Erholung für mich. Wer mich ein bisschen besser kennt, weiß, dass ich eben kein Technik-Fanatiker bin, der sein Glück in PHP-Codes und Smartphonerei findet.
Nein, jedem noch so gelungenen Programmier-Kunststück ziehe ich eine spontane Klavier-Improvisation vor. Die erklingt zwar nur einmal, keiner außer mir hört sie, aber – wer weiß, ob das wirklich so ist.

An diesem Samstag wurde ich ziemlich kurzfristig in meine Kirchengemeinde St. Christophorus gerufen, um die Vorabendmesse musikalisch mitzugestalten.
Es ist jedesmal eine Riesenfreude. Die Gemeinde in der Christophorus-Kapelle ist einfach wunderbar – schon weil ich nur etwa gut anderthalb Meter von ihr entfernt bin, wenn sie singt. Und zwischen der lebendig mitsingenden Gemeinde und meinem E-Piano habe ich Lissy Eichert, die viele Fernseh-Zuschauer auch außerhalb Berlins vom Wort zum Sonntag kennen. Ich bin unendlich dankbar, das ist der beste Ausdruck dafür, wenn auch kein ausreichender, dass ich Lissy persönlich kenne und immer wieder mit ihr zusammen vor dem Herrn und für Ihn musizieren darf.

Kirchenmusiker sind eine eigene Sorte Mäuse. Ich muss es wissen, ich bin einer. 😉 Und zu meinen Mäusehirn-Gedanken gehört die folgende wiederkehrende Frage.
Wohin gehen die Töne, wenn sie ausgesungen und gespielt sind? Sind sie weg, verflogen, weniger als Schall und Rauch, nämlich nichts? Oder finden sie irgendwo ein Echo? Ein ewiges womöglich. („Hej, JSB, er versucht sich schon wieder an deiner Air.“)

Ich gebe zu, dass dürfte für die meisten meiner Blog-Leser und auch für die allermeisten kirchenmusikalischen Kollegen (wenn nicht für alle) ein äußerst seltsamer Gedanke sein. Aber habe ich je behauptet, ich sei ein leicht zu verstehender Mensch? Und wer meine Texte freiwillig liest, tja, selber schuld.

Für die, die jetzt noch nicht ausgestiegen sind, möchte ich den Titel „Lass die Waffe falln“ aufklären.
Als ich heute nach der Vorabendmesse zum Fest „Taufe des Herrn“ nach Hause ging, beschäftigten mich Gedanken, die so gar nichts mit dem zu tun hatten, worüber unser Pfarrer Kalle gepredigt hatte. Vielleicht liegt es an den vergangenen stressreichen Tagen, vielleicht auch an diffusen Signalen, die meine gelegentlich übermäßig feinen Antennen auffingen. Jedenfalls witterte ich Konflikte in naher Zukunft und die machten mir Angst.

Ich erkenne solche inneren „Zu den Waffen!“-Rufe daran, dass ich mich gedanklich in Streitgespräche begebe. Die scheue ich im echten Leben wie der Teufel das Weihwasser. Nachdem ich heute sogar einen weihwasserhaltigen Tauferneuerungs-Segen bekommen hatte, kamen mir meine inneren Dialoge noch viel störender vor als sonst. Frisch gesegnet, mit der Kommunion begnadet und gleich darauf auf Krawall gebürstet, das geht gar nicht. Und hier beginnt meine kleine Wundergeschichte.

Nachdem ich Leib und Seele durch einen fürstlichen Salat gestärkt hatte, gab ich den geistigen Organen die für sie geeignete Nahrung: Musik. Und weil ich selbst vor kurzem genug Tasten geschlagen und auch dazu geträllert hatte, ließ ich einen Profi ran: Die von mir hoch verehrte und bewunderte Judith Holofernes. (Es ärgert mich immer noch, dass ich ihr November-Konzert in Berlin nicht besuchen konnte, grumpf…)
Ich weiß nicht, wie oft ich das jüngste Album „Ich bin das Chaos“ schon gehört habe. Oft. Und ich werde es noch viele Male hören, da bin ich sicher.

Musikalben höre ich nahezu ausnahmslos am ganzen Stück, alle Lieder in der vorgegebenen Reihenfolge. Gute Künstler denken sich etwas dabei, wenn sie die Reihenfolge der Stücke festlegen.
Heute kam ich nur bis zum sechsten Lied, „Der Krieg ist vorbei“. Ich muss dazu sagen, dass ich die MP3-Version über mein Smartphone hörte. Und dann schlug auf eben diesem Gerät eine E-Mail ein. Der Name des Absenders brachte meine Herzschlagfrequenz in schwindelerregende Höhen. Gefühlte 180 Beats/min. Wobei das bestimmt zu langsam ist, denn das wäre nur unwesentlich schneller als das Lied, das ich noch zu Ende hörte, bevor ich mich traute, die Nachricht zu lesen.

Das Lied beschreibt eine Nachkriegs-Szene. Einen Krieg habe ich noch nicht erlebt, der Verfasser der Mail schon, jedenfalls in der direkten Nachbarschaft. Aber um diesen bewaffneten Konflikt ging es nicht in der Nachricht. Es ging, nur so viel sei hier gesagt, um einen anderen Spannungs-Zustand.

Die E-Mail werde ich ausführlich beantworten und natürlich nicht öffentlich. Weil ich aber Anlass zur Vermutung habe, dass G. diesen Blog-Text liest: Когда я прочитал твое письмо, дор~, Йудит Голофернес только что спела слова у мин. 3:35 из следующего видео. Слушай вторую фразу, ту, которая начинается буквой «N». Вот тебе самый корочий ответ. Ничего страшного между нами никогда не было. Твой Торстен

Und damit Ihr anderen auch noch meinen besonderen Friedensgruß bekommt, lasse ich jetzt die Kreuzberger respektive Prenzlberger Meisterin selbst zu Ton und Wort greifen. Wer ein Herz hat, lege schon mal die Taschentücher raus. Ich jedenfalls laufe bei dieser Interpretation Gefahr, welche zu brauchen. 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.