Niemand möchte nasse Füße bekommen. Vor wenigen Tagen habe ich eine Ausbildung nach mehrmonatiger Abwägung vorzeitig beendet. Ohne Abschluss, ohne Zeugnisse. Den letzten Ausschlag für den Abbruch gab ein Gespräch auf der Nordsee-Insel Amrum.
Ursprünglich war es ein Plan C. Nein, kein Schreibfehler, Plan A und Plan B waren beide keine Option. Das wären richtige Studiengänge gewesen, für die ich nicht gut genug und viel zu alt bin,
Seit 1987 bin ich katholischer Kirchenmusiker aus Leidenschaft. Knapp 38 Jahre war ich hundertprozentiger Autodidakt an der Regina Instrumentorum. Kein Geringerer als Wolfgang Amadeus Mozart bezeichnete die Pfeifenorgel als König (sic!) der Instrumente. So schrieb er 1777 an seinen Vater: „…Die orgl ist doch in meinen augen und ohren der könig aller instrumenten…“ Quelle: www.orgelplus.at
Wie mag das Genie aus Salzburg auf diesem Instrument brilliert haben? Ambitionen, ein gefeierter oder auch nur heimlicher Virtuose zu werden, hatte ich nie. Dazu hätte es auch am Talent gefehlt, denn Virtuosen, auf welchem Musikinstrument auch immer, sind eine besondere Sorte Mäuse. Die einen hohen Preis zahlen, so meine Erfahrung. Ich kenne einige persönlich.
Ende 2023 lernte ich ein Vorbild kennen. Wieder kein Tippfehler, ich war schon Mitte 50 und ein paar Jahrzehnte praktizierender Orgel-Spieler, als ich mich mit Egon Kretzer unterhielt. Der war wenige Wochen zuvor für 60 Jahre Kirchenmusik an St. Marien Lüneburg geehrt worden. Bei mir stand damals die Entscheidung an, ob ich mich mittels einer Qualifizierungsmaßnahme in der Neuköllner Kirchenmusik verankern sollte. – Die Aussage meines spät wahrgenommenen Vorbilds war glasklar: „Thorsten, das brauchst du nicht. Habe ich auch nicht gebraucht.“
Dazu muss man wissen, dass Egon niemals auch nur eine einzige Orgelstunde genossen hatte. Gut, anders als ich war er Berufsmusiker. In der Holzbläser-Abteilung des Bundeswehr-Orchesters. An der Orgel dagegen war und blieb er Autodidakt, weil er es sich als Teenager mit einer Prüfungskommission im Erzbistum Paderborn verscherzt hatte.
Ich erwiderte, dass ich durch ein paar leichte und schnell zu erwerbende Qualifikationen mein Orgelspiel sicher verbessern und mich einfach intensiver mit Kirchenmusik beschäftigen könne. Das ließ Egon gelten und wir wandten uns gemeinsamen Plänen zu.
Zur Ausführung dieser Pläne kam es nicht mehr, Egon Kretzer verstarb plötzlich zwei Tage vor Beginn des Weihnachtsfestes.

Im darauf folgenden Jahr 2024 bewegte sich in der katholischen Neuköllner Kirchenmusik sehr viel. Am Ende dieser Entwicklungen bekam ich einen großartigen kirchenmusikalischen Vorgesetzten, äußerst kollegial, obwohl er in der obersten Liga spielt. Und der überredete mich, eine kirchenmusikalische C-Ausbildung im Erzbistum Berlin zu beginnen, eine knackige Aufnahmeprüfung inklusive.
Die Aufnahmeprüfung bestand ich zu meiner Überraschung. Und um das ganz klar zu sagen: Ich bereue keinen Tag der zwei Semester, in denen ich bei durch die Bank hervorragenden Lehrern und Lehrerinnen Dinge lernte, die ich mir nie im Leben zugetraut hätte.
Aber jetzt dennoch der Abbruch. Wieso?
Das Motiv, das allgemein verständlich sein dürfe, ist organisatorischer Natur. Fast alle C-Musiker, die ich persönlich kenne, haben ihre Qualifikation als Schüler oder Erstsemester erworben. Als Berufstätiger mit familiären Verpflichtungen, der zudem schon als Gemeindekirchenmusiker angestellt ist, habe ich es schwer, jeden Tag größere Zeitfenster für Unterrichtsbesuch und das unverzichtbare Üben freizuräumen. Ein Jahr lang habe ich es mit sehr mäßigem Erfolg versucht und geriet mehrmals an meine Grenzen. Oder auch leicht darüber hinaus. Unnötiger und kontraproduktiver Stress war dann die Folge. Vom sturen Auswendiglernen für die schriftlichen und mündlichen Prüfungen ganz zu schweigen. Mein Kurzzeitgedächtnis ist nicht mehr das eines Zwanzigjährigen.
Als ich meine C-Ausbildung begann, dachte ich: Mal sehen, was von meinen knapp 38 Jahren Praxis und meinen sechs Semestern Musikwissenschaft ich einbringen kann, um am Ende bescheinigt zu bekommen „Herr ThS ist befugt, das zu tun, was er seit 1987 tut.“ Mit welchem immensen Aufwand dieses Zertifikat notwendig verbunden gewesen wäre, konnte ich vor einem Jahr nicht einschätzen. Qualifikation to Go – läuft nicht. Aber ist vielleicht der Weg das Ziel?
Dieses mir natürlich schon länger geläufige Motto bekam ich regelmäßig von meinem Gesangslehrer der C-Ausbildung beim Einsingen zu hören. Und ja, die Früchte dieses Zeit-Weges möchte ich weder missen noch in Zukunft vernachlässigen. Was ich von den, wie gesagt großartigen, Lehrern mitgenommen habe, werde ich pflegen und ausbauen. Nur eben ohne das Korsett einer formellen Ausbildung, wie sie den begabten Jüngeren zweifellos sehr gut steht. Mit dem Korsett kommen sie schon klar. Mir passt es nicht mehr.
Eingangs erwähnte ich, dass mir ein Gespräch auf Amrum die Kraft und den Anstoß gab, die Reißleine zu ziehen. Was ist da passiert?
Die Unterkunft, in der ich meinen ersten und definitiv nicht letzten Inselaufenthalt verlebte, wird von einem Paar geleitet, das sehr offen und zugewandt mit seinen Gästen umgeht. Während ich also mit der Hauswirtin die Kurtaxe regelte, kamen wir auf das Klavier zu sprechen, das im großen Gemeinschaftsraum steht. Ich fragte, wer das Instrument spiele, denn dass es nicht nur für Feriengäste wie mich bestimmt sei, ließ sich leicht erkennen.
Jemand aus dem Team spiele darauf, sagte mir die Hauswirtin und ergänzte: Einfach nur zur Erholung, ohne je Unterricht genossen zu haben oder ihn zu wünschen.
Sofort musste ich daran denken, wie ich selbst das Klavierspielen gelernt hatte. Ja, ich hatte Unterricht – nacheinander bei zwei höchst unterschiedlichen Lehrer-Persönlichkeiten. Beiden verdanke ich sehr viel. Aber das, was mich noch heute fast täglich an mein Klavier treibt, musste mir keiner von beiden beibringen: Hingabe.
Meine liebe Mutter, nach deren Eindruck ich zu wenig übte – ihr Eindruck war nicht falsch – bemerkte noch viele Jahre später: „Wenn du dich nach der Schule ans Klavier setztest, konnte ich immer hören, wie es dir an diesem Tag gegangen war.“
Es ging mir übrigens meistens nicht so toll. Die Klaviertasten mussten ziemlich harte Schläge ertragen, vor allem die mit tiefen Tönen.
Die Schülerzeiten sind vorbei. Jetzt wieder. Und ich nehme wahr: Der mir in den letzten elf Monaten geschenkte Unterricht verschafft mir neue Freiheit. Ja, dieser Weg ist wirklich ein erreichtes Ziel. Das ein neuer Anfang ist. Und ab jetzt wird mit frischer Kraft und neuem Können zwischen den Schallwellen geschwommen. Im weiten Meer der Kirchenmusik.

Seehund auf Amrum. Foto: Thorsten Steinhoff