Kunterbunt gefärbte Eier, pummelige Hasenfiguren, Frühling überall. Wirklich überall? – Willkommen bei einem etwas anderen Osterausflug.
Am Ostersonntag, nach später Heimkehr (Halb 3 morgens) von der Osternacht-Aftershowparty in St. Clara und nach gefühlt nahtlos anschließendem Orgeldienst zum Hochamt in St. Richard, war ich etwas erschöpft. Hoch beglückt, aber zum Umkippen müde. Was mich aufrecht hielt, war der Ausblick auf ein sehr spätes aber feierliches Osterfrühstück. Und dann war da noch ein Vorsatz für die Zeit nach dem besagten Ostermahl. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass ich nach dem Ostersonntags-Essen ein paar Stunden Schlaf nachgeholt hätte. Das bewohnbare Dach einer Herberge in Jerusalem ist mein Zeuge.
Jerusalem war am vorigen Ostersonntag weit weg und leider auch ohne Shalom, wie ich ihn zu Ostern vor 31 Jahre als Pilger in Israel erleben durfte. In diesem von Kriegsfieber geschüttelten Jahr 2026 hatte ich ein anderes Ziel als die Zions-Abtei: Ein Seniorenheim in meiner Nachbarschaft.
Dort wohnt seit ein paar Monaten ein langjähriger Hausnachbar. Den ich von Anfang an – seit meinem Einzug – über die Maßen bewundere. Nennen wir ihn Herrn N. und er ist wirklich über 90 Jahre alt.
Geistig vollkommen fit hat er mit Beschwerden zu kämpfen, gegen die keine noch so gesunde Lebensweise verlässlich hilft. Und so musste sich Herr N. schweren Herzens entschließen, seine Genossenschaftswohnung aufzugeben. Er, ein Urgestein ebendieser Genossenschaft. Die Hauptfarbe der Genossenschaft, in der ich auch selber stolzes Mitglied bin, ist ein frisches Gelb. Die neue Bleibe von Herrn N., für uns ehemalige Nachbarn zu Fuß in fünf Minuten erreichbar, hat eine andere Farbe: Beige. So sehen jedenfalls die Gänge im Heim aus, durch die man zu den Zimmern kommt.
Um hier keine falschen Bilder im Kopf zu befördern: Die Mitarbeitenden des Seniorenheims sind durch die Bank mit Liebe und Sorgfalt für die alten Menschen da. Die Details stimmen, von selbst gewählten Bildern an den Zimmertüren über Fotos der lächelnden Betreuerinnen und Betreuer bis zu Blumenschmuck. „Kannse nicht meckan.“ – Dieses höchste Berliner Lob sprach Herr N. aus, als ich ihn vor einigen Wochen das erste Mal besuchte und nach seinen Lebensumständen im neuen Zuhause fragte.
Es ist für mich nicht das erste Mal, dass ich einen geschätzten Menschen aus meinem täglichen Lebensumfeld in einem Seniorenheim aufsuchen muss. Bis jetzt waren es immer Männer und sie hatten eine gute Bleibe gefunden, mit liebevoller Sorge und gleichzeitiger Wertschätzung. Aber die Gänge, sie erinnern mich immer an ein Krankenhaus. Die Architekten, die diese Gebäude im letzten oder vorletzten Jahrhundert entwarfen, sahen offenbar keinen nennenswerten Unterschied darin, ob es um ein Heim, ein Hospital oder ein Gefängnis ging. Und der Farbgeschmack der 1970er-Jahre, schweigen wir lieber darüber.
Als ich mich am Ostersonntag mit einem kleinen Osternest, in dem zwei von mir selbst gefärbte Eier lagen und einem handgeschriebenen Brief dem Heim näherte, sahen mich zwei Mitarbeiterinnen, die draußen eine kleine Pause in der Sonne einlegten. „Oh, guck mal, wie süß!“ Das war nicht spöttisch gemeint. Wie gesagt, in diesem Haus sieht man mit Augen der Liebe. – Ich wünschte den beiden Frauen frohe und gesegnete Ostern und sagte, dieses Ostergesteck sei für Herrn N. und: „Wenn Herr N. keine Eier essen möchte oder soll, bekommen Sie beide diese Schmuckstücke.“ Die Pflegerinnen lächelten.
Ich trat meinen Weg zum Zimmer von Herrn N. an und fand die Tür verschlossen. Auf mein Klopfen kam keine Reaktion.
Nach kurzer Zeit rief jemand in einem nahegelegenen Zimmer nach einer Pflegerin. Als die das Zimmer wieder verließ, sprach ich sie an und fragte, ob es Herrn N. gut gehe. „Ja, es geht ihm gut. Er ist aber nicht im Haus. Wir können das Osternest gerne auf sein Zimmer legen und heute Abend findet er es dann.“ Ich war doppelt erleichtert, denn Herr N. hatte erwähnt, dass eine medizinische Behandlung anstehe und ich der erste Besucher gewesen sei – nach vier Monaten, die er jetzt schon im Heim lebe. Dass Heim-, Krankenhaus- und Gefängnisgänge auf die meisten Menschen abschreckend wirken, ist mir wohl bekannt. Das ist auch nichts Neues, siehe Mt. 25,36. In der Antike gab es sicher keine Altenheime und mutmaßlich auch keine Wandanstriche in Beige – nach Jochen Malmsheimer der Seniorenfarbe schlechthin.
Was viele falsch machen, ist leicht zu machen – dies ist meine kleine Abwandlung des Goethe-Worts „Woran die Menge glaubt, ist leicht zu glauben“. Soll heißen: Es lohnt sich, die gewohnte Oster-Routine mit ihren Bräuchen, ihrer Buntheit und Fröhlichkeit aufzubrechen. Und das geht gerade jetzt ganz einfach, während der Osteroktav oder auch danach. Denn Ostern hat gerade erst angefangen, wie Kirchenmitglieder wissen (sollten). Ich wette: Wer Menschen in Heimen, Krankenhäusern oder Gefängnissen besucht, kann Auferstehung erleben. Pretty in beige.
Christus ist auferstanden, in Wahrheit auferstanden.
Halleluja!