Wenn Lächeln töten könnte…

hätte ich in der ersten vollen CoViD19-Woche ein Massaker angerichtet. Warum nur, warum?

Ich bin und bleibe eine Frohnatur. Keine rheinische, schließlich bin ich Sauerländer. Und die sprudeln nicht gerade über vor Begeisterung, woll?
Ich bin aber so erzogen worden, vielleicht auch einfach so disponiert, dass ich meinem Gegenüber gerne ein Lächeln schenke. Es kostet so wenig. Und wer ein Buchhalter vor dem Herrn ist: Es kann sich sogar lohnen. Schon, weil es nachweislich die eigene Laune hebt. Und für das Immunsystem ist jedes Lächeln eine kleine Massage, so wie herzhaftes Lachen den hinterhältigsten Körperfressern das Leben superschwer macht.

Moment mal, soll das heißen, hier wäre ein Heilmittel gegen die vermaledeiten CoViD-19-Erreger?

Leider nein, jedenfalls nicht direkt. Viren sind keine Einzeller, gegen die unser Organismus ruck-zuck weiße Zellen in’s Gefecht schicken kann. Aber die Immunkräfte nach Kräften zu stärken, kann nie schaden. Für die Heilungsprozesse ist es auf jeden Fall eine gute Tat. Und gerade im Fall der Corona-Dingbiester (Viren sind keine Lebewesen im engeren Sinne) scheint es von Vorteil zu sein, wenn ein Organismus sich schnell mit den Eindringlingen auseinandersetzt. Die überwiegende Anzahl der Infektionen verläuft ja mit nur leichten Symptomen. An diesem Virus alleine scheint niemand zu sterben.

Dass er trotzdem alles andere als harmlos ist, zeigt sich dramatisch. Und so habe ich auch meine über Wochen kultivierte Gelassenheit an den Nagel gehängt. Ohne allerdings in den Panik-Modus zu verfallen. Dazu neige ich nicht.
Dann schon lieber konsequent eingreifen. Kann ich nicht immer, aber wenn, dann richtig.

So auch Anfang der Woche, als mein Arbeitgeber meine besonderen Dienste brauchte. Seit einigen Jahren arbeite ich für ihn, indem ich mich um, ähem, spezielle „Kunden“ kümmer. Das sind fast ausschließlich ältere Semester und somit Menschen, denen das pandemisch auftretende Virus durchaus etwas anhaben kann. Noch kürzlich hatte ich mit meinem ältesten Schützling einen Beratungstermin. Der Herr ist 92 Jahre alt.

Kurz bevor der Berliner Senat die Reißleine zog, tat es mein Arbeitgeber. Alle Büros mit Publikumsverkehr wurden geschlossen, alle Veranstaltungen abgesagt. Konsequent. Ich fand und finde das goldrichtig.

Jetzt ist mein Arbeitgeber nicht irgendeine Firma, sondern hat umfassende Verantwortung für viele Menschen. Ich kenne die Zahl, werde sie aber hier nicht kundtun, ebenso wenig wie den Namen meines Brötchengebers.
Nur soviel: Jetzt brauchte er mich für sein eigenes Überleben. Der Einsatzort war nicht gerade bei mir um die Ecke. Und die sonst mit Vorliebe genutzten, ja, heiß geliebten Öffis, waren keine Option. Wenn man mit Menschenmassen auf Tuchfühlung gehen will, muss man nur in die morgendliche U-Bahn steigen. So habe ich mir noch jede Infektion in den letzten sieben Jahren geholt.

Wie also zum Noteinsatz kommen? Am Steuer eines Autos habe ich seit knapp 30 Jahren nicht gesessen und vorher vielleicht ein Dutzend mal. Taxis sind dieser Tage nicht gesünder als Öffis, nur erheblich teurer und sehr viel schwerer zu bekommen.

Glücklicherweise sind meine Füße wieder in Ordnung. Vor gut zwei Wochen hatte ich mich an einer Zehe verletzt. Nicht wirklich schwer, aber statt Schreiten war Humpeln angesagt. Satte vier Tage lang. Für mich als bekennenden Wandervogel (soundtrack: I’m a wanderer… 😉 ) der Super-GAU.
Aber nichts währt ewig, nicht einmal ein geschwollener Zeh mit Druckschmerz. Also zwang ich ihn in den Zehenschuh, gürtete mich mit digitaler Assistenz und zog los. Etwa 10 Kilometer Fußmarsch vor mir. Yippie. Walker’s paradise.

Am ersten Latschtag musste ich noch üben. Soll heißen: Die Strecke war noch ungewohnt und nicht besonders schön. Dafür war ich eine Stunde vor den Kollegen vor Ort und konnte schon fleißig vorbereiten. Wo es not tut, tu ich das gerne und effektiv.

Die schönere Route fand ich am folgenden Tag. Dank Open Street Map (OSM).

OSM-Karte via Web-Browser

Open Street Map ist ein Community-Projekt

Diesen kostenlosen und werbefreien Kartendienst nutze ich seit Jahren. Alle Daten stammen entweder aus offenen Quellen oder von Freiwilligen, bei denen ich fleißig mit-kartiere. Du musst kein Geodät sein, um die OSM noch genauer zu machen! Und kein Smombie. Also niemand, der die ganze Zeit auf das Display guckt und dabei den Rest der (Um-)Welt übersieht.

Ich bin intensiver Smartphone-Nutzer und stehe dazu. Aber insbesondere, wenn ich mich fortbewege, ist das Gerät wahlweise eine Schnappschuss-Kamera oder eben eine Orientierungshilfe.
Bei der Route II-Premiere musste ich nur selten auf die OSM sehen, ich hatte mir vor dem Losgehen die ersten Wegabschnitte eingeprägt. So hatte ich Zeit, ein paar Schwätzchen zu führen.

Moment, habe ich Schwätzchen gesagt? Zu Zeiten von CoViD-19 ein No Go. Oder besser: ein Weiter-Go, ein Go On. Bloß niemand nahe kommen. Und erst recht keine Grüppchen bilden!
Habe ich auch nicht getan. Die Gespräche fanden auf sichere Distanz statt, mit locker vier bis fünf Metern Abstand. Bei solchen Gelegenheiten nutze ich meine Bühnen-Stimme, die ich nicht zuletzt als Dozent brauche. Wenig Druck, aber viel Resonanz.

Die Schwätzchen waren kurz, aber jeweils herzlich. Ob Forstarbeiter, die gerade Pause machten, oder Leute, die mit Kindern (bzw. Hunden) spazieren gingen – ein Lächeln erwiderte ausnahmslos jede und jeder. Am Tag darauf: genauso.

Und dann kam der Freitag. Ein grauer Tag. Und von den sieben Menschen, denen ich ein von Herzen kommendes Lächeln und – aus mehreren Metern Entfernung! – einen ebensolchen Gruß schenkte, tja… Ein Mann mittleren Alters reagierte spät, aber immerhin nicht unfreundlich, bloß irritiert. Und eine alte Dame erwiderte eins zu eins. Die anderen fünf blickten mich entweder grimmig an oder guckten durch mich durch.

Mit Unfreundlichkeit kann ich nicht umgehen. Ich schätze, das ist eine Schwäche, die ich mir eingestehen muss. So dachte ich bei der ersten Begegnung, bei der ich aus Luft bestand: „Vom Zurückgrüßen ist noch niemand krank geworden.“ Mag sein, dass ich laut gedacht habe. Die Joggerin mittleren Alters hätte es gegebenenfalls gehört.
Im Nachhinein habe ich mir diesen Gedanken angekreidet. „Sieh mal an, wenn jemand deine Freundlichkeit nicht annehmen will, gibt es doch einen feindseligen Impuls.“

Eine Freundin (darf ich hoffentlich sagen) wird demnächst ein geistliches Wort zum Thema „Lächeln ist ansteckend“ sprechen. Ich freue mich auf diesen live übertragenen bekenntnis- und religionsübergreifenden Gottesdienst aus der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche.

Was Mitmenschen angeht, die offene Freundlichkeit unangenehm berührt – da muss ich die Fastenzeit so nehmen, wie es mir zwei gute Seelsorger in meiner Kindheit beigebracht haben. Als Trainings-Zeit für die eigene Seele. Was nicht tötet, härtet ab. Und sei es ein Lächeln, unbekannte Freunde. Habt keine Angst. Nicht vor mir und meinem Lächeln.

1 Gedanke zu „Wenn Lächeln töten könnte…

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