Spring in die Lücke

Am besten mit Nachdruck. Ein Loblied auf spontanes Reisen mit der #Bahn.

Ich war schon immer ein Gleisbett-Fan. Als Kind genoss ich die Fahrten im Schienenbus, damals noch einem archaisch wirkenden Gefährt mit weinroter Außenlackierung, die ich aus irgendeinem Grunde sehr schön fand. (Obwohl meine Lieblingsfarbe seit je her eher im Grün-Farbraum zu finden ist.)
Sehr viel später waren es dann Interregio-Züge, anfangs mit Kurswagen der DDR-Reichs(!)bahn. Ich stieg in LA ein und in Rgb aus. Mit ersterem Kürzel ist hier nicht Los Angeles gemeint. 😉 Obwohl das inzwischen wieder ein potentielles Reiseziel für mich ist. Aber dahin fährt leider kein Zug. Nach Rgb schon, was nicht für „Rückgebäude“, sondern für „Regensburg“ steht. Dahin könnte ich von meiner Homebase per DB schon kommen. Mal sehen, was 2022 bringt.

Obwohl der Jahreswechsel ziemlich bald ansteht, mache ich noch keine langfristigen Pläne. In den letzten Wochen bekam ich einige kräftige Eindrücke davon, dass Langzeit-Planung ein frustrierendes Vergnügen sein kann.
Als ich im fortgeschrittenen Teenager-Alter an einer Orchester-Reise teilnahm, hätte ich diese Lektion bereits verinnerlichen können. Unser Oberdirigent (wir hatten drei Dirigenten dabei), seines Zeichens Musikschul-Leiter im Sauerland und gebürtiger Allgäuer, verkündete uns am ersten Abend sein Motto: „Was soll ich heute etwas planen, wenn ich es morgen sowieso über den Haufen werfen muss?“ – Konkret ging es da um das Ausflugsprogramm für die Proben-Woche.
Er sprach es und verschwand. Wir fragten uns, ob er vielleicht müde von der langen Bus-Fahrt war. Oder vielleicht wollte er sich auf die Proben des kommenden Tages vorbereiten. Wer kennt schon die Gedanken eines Chefdirigenten…

Es war gegen Halb Elf (abends), als der Mann wieder auftauchte. Er sprach kein Wort, setzte sich mit stoischer Miene mitten zwischen uns, packte ein langes scharfes Messer aus, entfaltete ein kariertes Stoffbündel auf dem Tisch und fing an, den im Stoffbündel enthaltenen geräucherten Speck in Streifen zu schneiden und diese Nachtmahl-Rationen schweigend an uns zu verteilen. Ohne seine Miene zu verziehen.
Ich kann mich leider nicht erinnern, ob er anschließend noch etwas sagte. Aber dafür weiß ich, dass er sich noch mindestens ein Weißbier schmecken ließ. Ich sah damals zum ersten Mal bewusst ein Weißbierglas.

Das letzte Mal, dass ich selbst ein Weißbier genoss – was bei mir extremen Seltenheitswert hat! – stand im Zusammenhang mit einer Reise. Nicht per Zug. Es war einer der letzten Rückflüge von meiner Arbeitsstadt München in meine Wahlheimat Berlin. Zwar wusste ich damals noch nichts davon, aber die Ära von Air Berlin (AB, heeeuuuuul) ging zu Ende. Erfreulicherweise gleichzeitig die Notwendigkeit, mehr oder weniger regelmäßig zu pendeln.
Als diese Pendelei noch unvermeidbar war, fuhr ich oft mit der Bahn. Müsste ich mich heute zwischen Berlin und München bewegen, wäre der ICE vermutlich meine erste Wahl. Erstens fährt er sie viel schneller als damals. Und zweitens fehlt schlicht die Alternative. AB ist nicht mehr. Heeeuuuuul.

Was mich damals vom Gleis weg brachte, war weniger die lange Fahrzeit. Sieben Stunden waren zwar ein dicker Brocken, aber wenigstens konnten wir damals unmaskiert fahren. Und auch wenn es Anno 2013 nicht mehr so einfach war wie zehn Jahre vorher: Bei langen Zugfahrten lernte ich gelegentlich hochinteressante Menschen kennen. In der zweiten Klasse, in der ich schon aus finanziellen Gründen ausnahmslos fuhr, wimmelte es von ihnen. Da waren der „Pferdeherr aus Rohan“, der „Kanonier und Herzentrenner“, die (leider) namenlose beredte Stumme. Letztere war gehörlos und weil sie nach ihrem Gefühl nicht sicher genug sprach (sie hatte eine super Aussprache),verständigte sich mit mir per Fingerschrift auf der winterlich beschlagenen Scheibe. „Du bist nett“ schrieb sie nach kurzer Zeit und das rührt mich bis heute an.

Was wir wohl alle gemeinsam hatten, quer durch die Jahrzehnte: Wir waren nicht aus Lust und Laune unterwegs, sondern mit einem Ziel außerhalb des Alltäglichen. Also doch mit einem Quantum Lust, denn wer liebt schon den Alltagstrott? Reisen mit einem Zweck und Urlaub, das sind trotzdem zwei Paar Wanderschuhe. Von den wenigen Urlaubsreisen, die ich als Erwachsener unternahm, war nur ein Bruchteil an Schienen gebunden.

Urlaub ist relativ. Erholung ist es auch. Letztere versuche ich im Alltag zu suchen. Ein manchmal mühsames Geschäft, das darin besteht, vermeidbare Hindernisse als solche auszumachen und mehr oder weniger entspannt beiseite zu schieben. Oberleitungsschäden zu beheben stelle ich mir schwieriger vor und habe dabei die kunstvoll fluchenden Trolleybus-Fahrerinnen im Odessa der Neunziger Jahre vor dem geistigen Auge. Aber was Bahnfahrten dank Klimawandel immer häufiger behindert, lässt sich ja wenigstens an Profis delegieren. Die notfalls mit schwerem Gerät anrücken und den Möchtegern-Sequoia von der Starkstrom-Leitung lösen. Oder einen zu allem entschlossenen Schwan zu zwei Mann vom Berliner S-Bahngleis tragen. Was ich tatsächlich einmal live erleben konnte. Da waren die Stehplätze weit begehrter als die Sitze und ich hatte so einen Stehplatz. Leider keine vernünftige Kamera im Smartphone, so dass ich das Schwanenritter-Drama nur auf der Kopfweichplatte speichern konnte.

Das Dramatischste, was ich einmal in einmal in einem Fernreisezug erlebte, war ein Blitz-Einschlag. Keine 50 Meter vom fahrenden Zug entfernt, schlug ein Blitz in eine Wiese ein. Gut, dass da keine Kühe oder Wildtiere drauf standen. Das hätte ein Barbecue gegeben! Obschon ohne Festmahl-Gäste, der Zug fuhr ja weiter. Der Knall, der durch die Scheiben durchdrang, war aber unvergesslich. Drama, Baby, Drama.

Wie harmlos für mich und immerhin mutmaßlich gut ausgehend für einen einzelnen Mitmenschen war da mein jüngstes Bahn-Erlebnis.
Ich habe mir vor einiger Zeit angewöhnt, bei Bahnfahrten auf der Nordwest-Ost-Route einen Platz zu reservieren. Ich finde es zwar vollkommen unverständlich, warum bei einer kostenlosen Fahrt-Stornierung das Reservierungsentgelt nicht erstattet wird, schließlich wird der Platz ja auch wieder frei. Aber seit ehemalige Airline-Leute beim ehemals staatlichen Betrieb auf der Leitungsebene agieren, tja. Wen soll da irgendetwas wundern?
Für mich aber egal. Denn: In Zukunft reserviere ich nichts mehr. Nur ein einziges Mal musste ich mir meinen reservierten Platz nicht frei-bitten. Und einmal half alles nichts, der dominante vermeintliche Geschäftsreisende wollte meinen kostenpflichtig gebuchten Platz partout nicht freigeben. „Sie können gerne darauf bestehen“ erwiderte er auf meine erst freundlich, dann höflich nachdrücklich vorgetragene Aufforderung. „Diskutieren Sie das mit dem Beamten (sic!), wenn er kommt. Ich bleibe hier sitzen.“ – Als der Schaffner, nicht beamtet, würde ich sagen, vorbeikam, gab er mir zwar Recht, setzte mein Recht aber nicht einmal versuchsweise durch. Schöne Grüße, Herr Preuß, man trifft sich immer zweimal im Leben.

Tempi passati, treni passati. Als ich zuletzt von Lüneburg nach Berlin fuhr, ging es ganz anders zu. Hier half mir ein Mitarbeiter der Deutschen Bahn weiter. Die Ultrakurz-Fassung: Der Zug, mit dem ich fahren wollte, hatte so viel Verspätung, dass ich meinen Anschluss zu verpassen drohte. Am Abfahrtsbahnhof sah ich aus einiger Entfernung dafür einen gleichrangigen Zug halten, der ohne Umstieg, also direkt, nach Berlin fuhr. In der Bahn-App war von diesem ICE nicht die Rede. Ein Fliegender Holländer? Halloween ahead…

„Diesen Zug gibt es eigentlich nicht“ sagte denn auch der Zugbegleiter, der in Lüneburg auf den Bahnsteig getreten war. Mein Gesichtsausdruck dürfte ziemlich irritiert gewesen sein, aber durch die FFP2-Maske wurde das kaschiert. Die folgende Auskunft brachte mich davon ab, von dem Schaffner eine Wagner-Arie aus „Der fliegende Holländer“ zu erwarten. „Wir halten hier nur, weil ein Fahrgast ins Krankenhaus muss.“ – Einen Notarzt-Wagen habe ich nicht bemerkt, deswegen gehe ich davon aus, dass der Patient nicht in Lebensgefahr war.
Also kein echtes Drama, so unangenehm es für betroffene Personen auch ist, den Zug per Trage zu verlassen. Ich habe selbst einmal einen solchen Fall erlebt und den heftig Leidenden mitbetreut. Der Kommiliton und Reisegefährte kam damals auf der deutschen Seite der Grenze direkt in Quarantäne. Er konnte sie nach wenigen Tagen wieder verlassen und erholte sich schnell. Alles gut gegangen, auch für uns, die wir mit ihm das Abteil geteilt hatten. Es wundert mich bis heute, dass wir nicht gleich mit in die Quarantäne-Station des Schwandorfer Krankenhauses gepackt wurden. Nicht einmal eine Einladung bekamen wir, Frechheit. 😉

In den Zug, den es nicht gab, erhielt ich ebenfalls erstmal keine Einladung. „Sie müssen bitte alle wieder aussteigen“ hörten die Witzbolde, die einfach so in den ICE eingestiegen waren, dessen Name nicht genannt werden soll.
Ich dagegen setzte unter der FFP2-Larve die Diplomatenmaske auf und fragte den auf dem Bahnsteig stehenden Zugbegleiter, ob ich nicht doch mitfahren könnte, zumal der Zug auch an meinem planmäßigen Umsteigebahnhof halte. Der Mann sah sich mein digitales Ticket an und wies auf den Zug mit den Worten „Steigen se ein.“ Das tat ich.

So guckt er immer, wenn er sich freut.
Selbstbildnis mit Kostüm.

Natürlich waren sämtliche Sitzplätze belegt, teils laut Reservierungsanzeige, teils einfach so. Ich habe schon einmal diese Strecke buchstäblich durchgestanden und hätte es wieder gemacht. Aber es war nicht nötig! Zwischen zwei Vierer-Sitzgruppen, das heißt zwischen Rückenlehnen-Hinterseiten, war eine Lücke. Eine besiedelbare Nische, ohne Leselicht, ohne Fenster, Schneidersitzklasse, aber frei. Mutmaßlich nicht reservierbar. Einer jungen Frau, die einen ähnlich luxuriösen Platz im Übergangsbereich zwischen zwei Waggons bezogen hatte, sagte die patroullierende Zugbegleiterin mit erkennbar hanseatischem Zungenschlag, das gehe in Ordnung. Sie müsse die Beine nicht immer einziehen, wenn jemand vorbeikomme. Auch mir bescheinigte sie, dass alles gut sei. Und sie übergab mir sogar lächelnd ein Antragsformular zur Inanspruchnahme von Fahrgastrechten.
Das fülle ich nicht aus. Zumal sich damit das Reservierungsentgelt nicht zurückfordern lässt, ist mit vier Euro knapp unter der Erstattungsgrenze. Und mit Verlaub: So ein Lückenbüßerplatz ist – unbezahlbar. Total Recall neu zu verfilmen. Governor, übernehmen Sie. I’ll be back. Hasta la vista, Preuß-Baby.

2 Gedanken zu „Spring in die Lücke

  1. Ich würde der DB Bausteine aus diesem Beitrag als mögliche Werbung zur Verfügung stellen. Es fahren „Geisterzüge“ und Krankenwagen fahren, wo keine Verletzten sind.
    Adam Riese wäre der Richtige, um zahlreiche gut bezahlte „Leithammeln“ das Addieren und das Erklären zu lehren. Was soll’s… – Immer schön auf dem Gleis bleiben.

  2. Wen einer eine Reise tut! Das sind fast unglaubliche Berichte, aber ich glaube, dass sie stimmen. Würde ich mal an die Bahn-Bosse senden.

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