Was gut endet

Das Ende naht. Für mich gleich mindestens dreifach, aber…

Jedes Ende kann zugleich ein neuer Anfang werden. Scheinbar eine Binsenweisheit, aber ich neige immer wieder dazu, sie zu ignorieren.
Dabei ist entscheidend, am Ende eines Zustands nach dem neuen Anfang zu fragen. Manchmal fällt das unendlich schwer, etwa bei einem plötzlichen Schicksalsschlag, den ich weder mir selbst noch irgendjemand anderem wünsche.

Manche Enden sind aber hochwillkommen. Weil absehbar ist, dass es danach besser wird, nur besser werden kann. Zum Beispiel eine Zweckgemeinschaft, die ihr Ziel längst erreicht hat und in der sich alle Glieder gegenseitig nur noch belasten.
Oder – was in meinem Fall gerade konkret wird – tja, was ist das eigentlich?

Drei Wenden sehe ich vor mir:

  •  Das Kirchenjahr endet übernächsten Sonntag. Pünktlich zum 1. Dezember beginnt mit dem Advent 2018 das neue Kirchenjahr.
  • Gut vier Wochen später vollende ich ein Lebensjahr, dessen laufende Nummer so manchen beeindruckt. Mich hoffentlich nicht.
  • Wieder etwas später beginnt für alle ein neuer Sonnenumlauf, also ein neues Jahr.

Wenn ich es mir aussuchen könnte, bliebe es bei diesen drei Umschwüngen. Aber mich fragt keiner. – In den letzten Tagen erfuhr ich, dass einigen Menschen, die mir nahestehen, sehr unerfreuliche Wendepunkte ins Haus stehen. Und an andere, deren Dasein dieses Jahr bereits endete, denke ich gerade sehr intensiv. Kein Wunder, gilt der November doch als Toten-Monat. Gewöhnlich ist er grau, dunkel, kalt und nass. Dass diese Ausgabe hierzulande mit reichlich Sonnenschein aufwartet, nun denn, so schnell ist das düstere Image des 11. Monats nicht wegzuwischen, bei mir jedenfalls nicht.

Es gibt nicht viele Gedichte, die dem November gewidmet sind. Aber zwei habe ich sofort im Kopf und im Herzen, wenn mit Anfang November der Winter offiziell begonnen hat.

Das eine Gedicht stammt vom englischen Dichter Thomas Hood (1799 – 1845).

November

No sun – no moon!
No morn – no noon –
No dawn – no dusk – no proper time of day.
No warmth, no cheerfulness, no healthful ease,
No comfortable feel in any member –
No shade, no shine, no butterflies, no bees,
No fruits, no flowers, no leaves, no birds –
November

Ich lernte dieses Gedicht 1998 kennen und lieben. Ich werde Miriam dieses Geschenk niemals vergessen, todah rabah!

Das andere Gedicht ist im deutschsprachigen Raum bekannter. Eigentlich mag ich es gar nicht, aber es berührt mich innerlich sehr stark. Es ist von Rainer Maria Rilke (1875 – 1926) und er schrieb die Zeilen 1902 in Paris.

Herbsttag
Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Die dritte Strophe empfinde ich jedes Jahr auf’s neue als Anklage. Warum zitieren in meinem Umfeld alle immer nur die ersten zwei Zeilen der dritten Strophe?

Lange bevor ich diese beiden Gedichttexte zum ersten Mal hörte, machte ich Bekanntschaft mit einer anderen literarischen Tradition.
Unser Regensburger Professor Gerhard Hahn wies uns damals darauf hin, dass viele Höfische Romane ihre Handlung mit dem Pfingstfest beginnen lassen.
Ich bin mir sicher, dass Prof. Hahn ebensowenig über die klimatischen Bedingungen zu König Arthurs Zeiten im Bilde war wie die hochmittelalterlichen Schriftsteller. 😉 Aber wie Herbst und Winter in Festungsmauern oder gar in ärmlichen Hütten des 12. und 13. Jahrhunderts ausgesehen haben dürften, kann ich mir lebhaft vorstellen. Das war garantiert ungemütlich in den Burgen und in den Hütten mutmaßlich lebensgefährlich. Der Grimme Schnitter konnte da Sense schwingen, ohne unter der Kapuze im Sonnenschein schwitzen zu müssen.

Das Hohe Mittelalter ist lange vorbei. Und auch wenn ich Lust hätte, jetzt ein mittelhochdeutsches November-Gedicht vorzutragen, ich kenne keines. Und spontan mag mir auch nichts Musikalisches einfallen.

Solange das so bleibt, erlaube ich mir auf einen Trickfilm hinzuweisen, der als Abschlussarbeit am der Filmakademie Baden-Württemberg entstand. Passend zu unseren aktuellen Klimazuständen trägt der Herbsternte-Meister hier eher leichte Kleidung und arbeitet schlussendlich unter freiem Himmel mit der Sonne im Rücken. Aber seht selbst. Zinnggggg…

Achtung, rabenschwarzer Humor!

 

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