Band der Freude

Der erste Eindruck täuscht oft. So auch heute am Laetare-Sonntag, oder?

Freue dich, Stadt Jerusalem!
Seid fröhlich zusammen mit ihr, alle, die ihr traurig wart.
Aus dem Eröffnungsvers zum Laetare-Sonntag

„Get the old band together, if that’s okay with you.“
Fred Armisen als Brautvater im SNL-Sketch „Punk Band Reunion“

Der vierte Sonntag der vorösterlichen Bußzeit aka Fastenzeit ist vielen Christgläubigen unter seinem lateinischen Namen bekannt: Laetare – zu Deutsch: Freue dich! Das Ausrufungszeichen gehört dazu, siehe Zitat oben. Der erste Satz des Eröffnungsverses gibt dem Sonntag seinen Namen, zu dem es Alternativen gibt. Aber Rosensonntag und Schwarzer Sonntag (!) machen im Vergleich einfach nichts her.

Für mich als nebenamtlichen Kirchenmusiker ist Laetare zu Pandemiezeiten eine besondere Herausforderung. Worüber, verflixt nochmal, soll ich mich denn freuen?
Zugegeben, der namensgebende Eröffnungsvers geht noch weiter und mündet in die Zusage bevorstehenden Trostes. Aber wann der kommt… Da haben heute vor allem Virologen und Epidemologen ein Wörtchen mitzureden, weniger ein Prophet des Ersten Bundes.

Wenn dann auch noch die Maske nass wird beim Gang über die Sonnenallee, na danke, da hält sich meine Vorfreude in Grenzen. Alleine die Aussicht, von der Orgelbühne wieder herzzerreißende Blicke auf vermummte Gesichter überwiegend betagter Gläubiger werfen zu müssen, bä. „Gut Spielen!“ wünscht mir in St. Richard immer ein älterer Mann von dem ich weiß, wie gerne (und gut) er singt. Wie warte ich darauf, ihm im Gegenzug wieder „Gut Singen!“ wünschen zu dürfen.

Ja, das Orgelspielen hat mir wieder Freude gemacht. In den letzten Tagen hatte ich ein bisschen daran zu kauen, dass meine hohe Zeit der Kirchenmusik erst einmal zu Ende ist. Die dritte Blüte war besonders reich, aber dafür ziemlich kurz. An neun Berliner Orgeln war ich vor der Pandemie mehr oder weniger regelmäßig zu Gast. Heute sind davon zwei übrig.
Falls die SARS CoV2-bedingten Beschränkungen im Laufe der nächsten zwölf oder dreizehn Monate aufgehoben werden sollten, gehe ich davon aus, dass ich in drei Gemeinden ein Comeback feiern könnte. Die übrigen vier sind wahrscheinlich endgültig verloren, aus verschiedenen Gründen. Schade, ich liebe Comebacks.

Auf dem Heimweg, also bei einem Comeback 1.0, wurde ich erst platschnass. Aber das kann einen Sauerländer nicht erschüttern. Graue Wolken kennen wir, weinende Wolken trüben unsere Stimmung nicht ein. Aber wenn ich in kein Café einkehren, niemandem in die Augen blicken, nicht einmal eine Wanderung mit Rast (!) einlegen kann, dann fehlt einfach etwas. Ein kräftiger Schuss Freude, Lebensfreude.

Etwas später am Nachmittag wollte ich wenigstens ein bisschen davon haben, zog nochmal die Barfuß-Schuhe und die klammen Klamotten an und machte mich durch zaghaft aufblitzenden Sonnenschein in Richtung Mauerweg auf. Dass ich eine kleine Himmelsdusche abbekam, geschenkt, siehe oben. Sauerländer kann man nicht ersäufen, wenn man sie töten will.

Trotz schöner Fotomotive und durch die Bank rücksichtsvoll vorsichtiger Zeitgenossen auf dem Spazier-Areal wollte sich keine Freude vom Rang einer Begeisterung einstellen. Keine Vorfreude, erst recht kein innerer Jubel. Aber für den ist es drei Wochen vor Ostern auch nicht die richtige Zeit.

Nicht jede Zeit liegt im menschlichen Ermessen.

Für meinen geistlichen Lebensbegleiter P. Richard Loftus SJ, der US-Amerikaner war, gehörte das zu seinem persönlichen Glaubensbekenntnis. Er drückte es so aus: „Wo absolut nichts zu erwarten ist, genau da greift Gott ein.“ Der Herr liebt die Überraschung, das habe ich von Vater Loftus und aus mehrfacher eigener Erfahrung gelernt.
Jüngstes Beispiel: heute. Kaum hatte ich mir die jetzt noch nasseren Schuhe ausgezogen und wollte mir einen 15 Uhr-Tee aufsetzen, durchzuckte mich ein Geistesblitz. Verbunden mit einem „Ja!“, wie ich es erst wenige Male erlebte, das ich aber trotzdem (oder gerade deshalb) besonders gut erkenne.

Inspiriert von der langjährigen Praxis des zu meinen Studienzeiten in Regensburg wirkenden jesuitischen Freundes hatte ich das Konzept eines Lesekreises mit nach Trier genommen. Ich legte nicht sofort damit los. Ich hätte ja nicht Vater Loftus imitieren können und mit anderen über das Johannes-Evangelium diskutieren. Dafür war mein Bart nicht lang und nicht weiß genug. 😉 – Nein, ich brauchte erst ein eigenes Feld, auf dem ich mich auskannte.
Als ich es gefunden hatte, es war der großartige Jeremias-Roman von Franz Werfel „Höret die Stimme“, versuchte ich mein Glück mit einem Anschlag am Schwarzen Brett der katholischen Hochschulgemeinde. Ich spielte da ab und zu die Orgel und kam prima mit dem Studierendenpfarrer Benedikt Welter zurecht. Obwohl ich den Anschlag mit dem Pfarrbüro abstimmte, war der Wisch am nächsten Tag verschwunden. Ohne dass ich eine Rückmeldung oder gar Anmeldung bekommen hätte.

Damals war ich so drauf, dass ich normalerweise nach diesem ersten gescheiterten Anlauf aufgegeben hätte. Tat ich aber nicht. Einen Versuch unternahm ich noch. Und diesmal hatte ich Erfolg. Fünf Leute meldeten sich an, drei davon kamen auch zum zweiten Treffen. Und dann immer wieder. Bis wir den Werfel ganz gelesen hatten. Und dann noch Huxleys „Brave New World“ in deutscher Übersetzung, aber immer mit dem Original in der Hinterhand. Ja, wir waren Das Literarische Quartett von Trier Heiligkreuz. Yeah. Fernseh-Auftritte oder Marcel Reich-Ranicki zu Gast hatten wir zwar nicht, aber ein bisschen Band-Feeling war schon da.

Dann endete meine Trierer Zeit. Zwei meiner Quartett-Freunde blieben noch etwas länger an der Mosel, ein Mitglied, das von Anfang an dabei war, wanderte viel weiter ab als ich. ¡Olé!
Den Kontakt zu diesem Mitglied verlor ich, die beiden anderen blieben wenigstens auf digitalem Wege mit mir verbunden.

Zeitsprung vom Frühherbst 1999 in den Fast-Frühling 2021. Nach einem Laetare-Spaziergang am Mauerweg. (Welch ein Kontrast! Aber das versteht nur, wer hier schon einmal war.) Da war er, der Geistesblitz: Ruf den Lesekreis wieder zusammen. Wofür gibt es Online-Video? Dass wir in alle Winde zerstreut sind, spielt dadurch keine Rolle mehr. Ich dachte es, natürlich ganz anders formuliert und zwischen zwei Lidschlägen. Aber noch schneller kam das oben zitierte „Ja!“. His master’s voice. 😉

Als Bestätigung verstand ich es, dass ich die aktuellen Kontaktdaten der damals gen España entfleuchten Lesestimme im Handumdrehen ermittelte.
Mag sein, dass die Lesekreis-Band nicht sofort wieder zusammenfindet. Arbeitszeit in den SARS CoV2-Roaring Twenties ist ungleich Studi-Leben am Ende des vorigen Jahrtausends. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir wieder ins regelmäßige Gespräch kommen. Wir müssen ja nicht gleich singen. So wie die im nachfolgenden SNL-Sketch aufspielende Revival-Band. Viel Spaß. Und dass sich niemand über Musik-Albträume beschwert, hell yeah!

3 Gedanken zu „Band der Freude

  1. Es wird bei nur wenigen Blog-Lesern bleiben, da sich kaum jemand die Zeit für diesen sehr anspruchsvollen Inhalt nimmt.
    Ein „Band der Freude“ wäre für unsere Zeit doch so wichtig. Aber unter diesem Band verstehen die meisten Zeitgenossen etwas ganz anderes.

    1. Bei der Gründung des Lesekreises zeigte sich sofort, dass das Konzept nicht massentauglich war. Was es auch gar nicht sein sollte. 😉
      Jemand warf das Handtuch, nachdem ich darüber informiert hatte, dass es für diese Veranstaltung keinen Seminarschein gebe. Tja, Nützlichkeit ging schon damals vor Zwischenmenschlichem. Früher war nicht alles besser, nur anders.

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