Mut zur Lücke

Zum Beispiel einfach mal keinen Blog-Artikel schreiben? Kommt gar nicht in Frage. Ich halte noch früh genug die Klappe.

Dass alles seine Zeit hat, auch das Schweigen, sagte mit wunderschönen Worten Kohelet, auch bekannt unter dem Namen „Prediger Salomos“. Dass mein Timing den biblischen Maßstäben oft nicht gerecht wird – tja, damit stehe ich mutmaßlich nicht alleine.
Der fünfte Sonntag der vorösterlichen Zeit wird bei uns römischen Katholiken als Misereor-Sonntag bezeichnet. Römisch gleich Lateinisch, totsprachlich. Also auf Deutsch: Wir feiern den Sonntag der Barmherzigkeit.

Als der Prediger (nicht Salomos) das heute Morgen in St. Richard näher ausführte, machte ich mir so meine Gedanken, wo ich in letzter Zeit eventuell erbarmungslos gewesen sein könnte. Da ich sehr selten sauer auf ein Gegenüber bin und mich beim schlechtesten Willen, hihi, an keinen Groll erinnern konnte, verfiel ich auf die Frage: Wann war ich zum letzten Mal unbarmherzig mir selbst gegenüber?

Wer jetzt meint, dass angesichts der laufenden Fastenzeit ein Bling, bling, bling einsetzte – nee, Fehlanzeige. Zwar ist es mir noch nicht gelungen, komplett auf jeden Gedanken an Verzicht zu verzichten, nicht auf jeden, der dem christlichen Kernanliegen zuwider läuft. Aber ich bin auf diesem Gebiet in den letzten Jahren ein gutes Stück vorangekommen. Bis 2020 die verflixte Pandemie einen weiteren Fortschritt vereitelte. Grmpf.

Was ich mir nämlich als Verzicht vornahm war – Verzicht auf Einsamkeit.

Wer mich besser kennt, weiß, dass ich Einsamkeit sehr oft als etwas Gutes ansehe. Natürlich, manchmal ist sie auch voll daneben oder ein Preis, der für ein Ziel zu zahlen ist. Auf die schädlichen Einsamkeits-Momente hatte ich es bei meinen Fastenaktionen der letzten Jahre in erster Linie abgesehen. Weil sich schädliche und wohltuende Einsamkeit oft nicht so einfach und sauber unterscheiden lassen, blieb ich auf langsame und deshalb oft anstrengende Übungen verwiesen. Letztes Jahr, also 2020, hatte ich mir einige echte Übungshämmer vorgenommen. Die Muckibuden mussten bekanntlich mit als erste schließen. 😉 Aber 2021, so dachte ich mir, wird alles nachgeholt.

Geht wieder nicht. Sch… Corona. Also zum Teufel mit den guten Vorsätzen?

Och nee, muss nicht sein. Es lebe die Übersprunghandlung. Wer was Heftiges zum Trainieren sucht, findet auch was. Zum Beispiel Hardcore-Einsamkeit.

Et voilà Unbarmherzigkeit. Im Gewand eines Aufbautrainings. Ich hasse Trainingsanzüge! (Schon immer)
Als ich heute Morgen unter dem Gesichtspunkt „Misereor“ auf die vergangenen Wochen der Fastenzeit blickte, fand ich schnell Beispiele für Aufwärmrunden im Ekel-Dress. Wo ich es übertrieben oder es mir im Gegenteil zu einfach gemacht habe, vielleicht aus Bequemlichkeit.

Es versteht sich, dass ich hier keine Befunde präsentiere. Sonst würden mir der zahlenmäßig überwiegende Teil der Stammleser, alias Spam-Robots, noch mehr Präparate anbieten, auf die ich zu allen Zeiten verzichten will und kann, ganz ohne Anstrengung.

Ich möchte aber jede und jeden ermuntern, bei sich selbst in die Gedächtnislücken zu blicken. Es fordert wirklich Mut, denn was in den Lücken liegt, ist meistens nicht ohne Grund in der Versenkung verschwunden. – Aber richtig ausgegraben, bringt einiges fruchtbare Anhänge mit ans Tageslicht. „Kriegen wir das repariert?“ – „Auf jeden Fall.“

Weißte Bescheid.

1 Gedanke zu „Mut zur Lücke

  1. Gelesen, wie immer Montags und ich werde versuchen, meine „Lücken“ zu finden. Gedächtnislücken habe ich (noch) wenige und ich halte mich aktuell oft in Träumen in meinem Heimatort auf und sehe alle Menschen und Namen vor mir. Wobei doch die Gegenwart so spannend ist. Und damit meine ich nicht Corona, sondern das tägliche Tun und die Familie.

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