Captain Nemos Orgel

Frisch von der Nautilus – so wirkt sie auf mich, die Orgel von St. Johannes in Berlin Französisch Buchholz. Zum Verlieben. Eine Amour fou?

Wäre mein Vetter C. ein Exot wie ich, ein Außenseiter also, wären heute wohl kaum Gäste zu seiner Feier gekommen, die er Freunden und Weggefährten anlässlich seines runden Geburtstags geschenkt hat. (Zu meinen Geburtstagsfeiern muss man Gäste seit je her tragen, das hat unter anderem kalendarische Gründe. Weswegen ich meinen GBT nur sporadisch feier.)

Aus allen Ecken kamen sie, die Gäste. Unter ihnen auch meine lieben Eltern, die die Gelegenheit nutzen, noch weitere vormals nahe Menschen in unserer Heimat zu besuchen.
Ich war nicht erbaut, als wir seinerzeit von da wegzogen. Mein Lieblingslehrer (leider inzwischen verstorben, aber unvergessen) wurde auf mich angesetzt, um mir den Umzug nach Bayern schmackhaft zu machen. Auch wenn Herr L. de facto als Bayern-Werber scheiterte, rückblickend hat es doch gefruchtet. Nein, es gelang nicht, mir BY zur Heimat werden zu lassen. Aber ich habe später doch eine Wahlheimat gesucht und gefunden. Die Zwischenstationen hatten alle ihre Qualitäten, die mich geprägt haben. – Dass ich mal Berlin als Zuhause anstreben und schließlich erreichen würde, das war damals im Sauerland noch nicht abzusehen. Von einer kleinen westfälischen Hansestadt in die Metropole? Unvorstellbar, damals erst recht.

Während ich in der oberpfälzischen Stadt Regensburg studierte – und mich dabei äußerst wohl fühlte, leuchtete zum ersten Mal ein Berliner Lämpchen auf. Beziehungsweise waren es mehrere Lichter, allesamt klein und unscheinbar. Vor allem aber fern. Als Führerscheininhaber ohne Fahrzeug respektive Fahrpraxis war für mich alles unerreichbar, was sich nicht mit dem Zug oder dem Drahtesel ansteuern ließ. Berlin war zwar per Schiene angebunden, aber schon damals waren DB-Fernstrecken für mich, hm, teuer. Zu teuer, um sie stärker oder gar regelmäßig zu frequentieren.

Dabei war (und bin) ich ein Reisevogel allererster Ordnung. Das habe ich mit meiner Mutter gemeinsam. Man darf also davon ausgehen, dass häufiger auftretendes Fernweh bei mir erblich bedingt ist. So wie die Liebe zu dicken Schmökern und nicht weniger großzügig dimensionierten Küchen-Utensilien.

Bei der Küchenausstattung kann ich mit meiner Mama längst locker mithalten. Bei den Reisemitteln – ja, jetzt auch da.
Einer der vielen Gründe, nach Berlin zu ziehen, war: Diese Stadt ist so vielfältig und dabei räumlich ausgedehnt, dass man gut und gerne eine Stunde mit den Öffis fahren kann – man ist immer noch in Berlin, aber in einer anderen Welt. In meiner Freizeit (also wochenends) unternehme ich liebend gerne solche Weltreisen en miniature. Als Vehikel dienen mir neben den üblichen Mitteln wie Füße, U-Bahn und S-Bahn, gerne auch mal exotische Verkehrsmittel wie die Straßenbahn. Und Berliner Busse sind auch eine Erfahrung, der sich kein Gast oder Bewohner verschließen sollte. Es muss ja nicht gleich der M41 sein. (Insider-Alarm! 😀 )

Bevor ich ein neues Ziel ansteuer, konsultiere ich immer die Fahrpläne der BVG. Liegt das Ziel überhaupt in Berlin? Oder ist es schon… Braaaaandenburg. Das muss man sich als von Rainald Grebe gesungen vorstellen.
Als mich vor Monaten ein Orgel-Kollege fragte, ob ich ihn in Buch und Buchholz vertreten könne, wusste ich zuerst nicht, wie ich dorthin kommen sollte. Und wo war das überhaupt? Orte mit dem Namen „Buch“ gibt es viele. Alleine im Umkreis meiner bayerischen Schulstadt Dorfen kenne ich mehrere davon.

Mir war klar, dass Berliner Orgelspieler eher selten Dienste in Ober- oder Niederbayern übernehmen. Ich suchte also Buch und Buchholz (komischer Name, oder?) in der Region Berlin. Und schwupps wurde ich fündig, dank OSM. Vergesst G-M.

Meine erste Station war Mater Dolorosa in Buch. Wie sich herausstellte, war das weiter von meinem Zuhause Neukölln entfernt als die St. Johannes Evangelist-Kirche in Buchholz. Und trotzdem liegt auch diese Vorstadt in der BVG-Zone B. (Für Nicht-Berliner: Brandenburger Orte liegen in der Zone C.)

Wie ich das erste Mal von Buch nach Buchholz und später nach Hause kam, das ist eine eigene Geschichte. Sie wird irgendwann mal hier im Blog erzählt.
Jetzt begnüge ich mich damit, meinen ersten Eindruck der Orgel in Französisch Buchholz (ja, so heißt dieser Stadtteil mit vollem Namen) zu schildern. „Wo ist auf dieser Brücke das Steuerrad? Und wo steckt Captain Nemo?“

Wacker-Orgel von St. Johannes Evangelist in Berlin Französisch Buchholz

Der Kapitän der Nautilus spielte bekanntlich gerne Orgel:

Captain Nemo was there, leaning over the organ, deep in a musical trance.

Q.: The Project Gutenberg eBook of Twenty Thousand Leagues Under the Sea, by Jules Verne, Copyright (C) 1999, Frederick Paul Walter, Code-Zeile 5867.

Wer zwanzigtausend Meilen unter der Meeresoberfläche schippert, stößt sicher früher oder später auf Buchholz, n’est pas, Monsieur Verne? Französisch Buchholz!

Inzwischen bin ich dort dreimal vor Anker gegangen. Und jedes Mal fühle ich mich in der St. Johannes-Kirche wie auf einer Brücke. Es gibt sogar Motorgeräusche! Oder glaubt Ihr im Ernst, ich würde den Blasebalg selber treten? Wer machte den Job eigentlich auf der Nautilus? Fragen über Fragen, wenn auch nur für Nerds wie meinesgleichen. Ob klassische Literatur oder Orgelspiel – alles das interessiert nur wenige.

Ich glaube dafür, dass wir Insider obskurer und vergessener Leidenschaften das eine oder andere offene Ohr finden, wenn wir uns denn nur nach vorne wagen.
So weiß ich zum Beispiel, dass mein eingangs erwähnter Vetter zu den treuen Lesern meines Blogs gehört. Das war Grund genug für mich, heute ein kleines Musikvideo zu machen und über Youtube in die Welt zu senden. Lieber Vetter, das ist für Dich. Und ich wünsche Dir wie deinen Lieben eine gesegnete Adventzeit, mit einem dazu passenden Weihnachten im Anschluss. Dein Vetter, der Orgelnomade. 

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