Unsichtbares Salz

Was ist besser: Ecken und Kanten haben oder nicht jedem schmecken? Eine Betrachtung zum #Tagesevangelium vom zweiten Februar-Sonntag 2020.

Kenne nur ich das? Da scheint sich ein Motto über mehrere Tage zu legen. Nicht so, dass es unangenehm wäre, nicht aufdringlich. Aber eindringlich. Bei mir war es in den letzten Tagen das „Salz“.

Auch die kirchenfernen Leserinnen und Leser meines Lautwert-Blogs kennen mutmaßlich die Redewendung „Salz der Erde sein“. Begeisterte Christenmenschen nehmen das gerne für sich in Anspruch, etwa bei Kirchentagen, Glaubensfesten und anderen Love-and-Peace-Events.
Begeisterung mit derlei Selbst- und Sendungsbewusstsein ist mir nicht fremd, ebenso wenig wie die Quelle der Redewendung.

Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr, außer weggeworfen und von den Leuten zertreten zu werden.

Quelle: Das Evangelium nach Matthäus, 5. Kapitel, Vers 13 (Mt 5,13)
Die-Bibel.de

So richtig begeisternd klingt die Botschaft des Religionsgründers aus Nazareth hier nicht. Eher ein bisschen nach den Straßen von Neukölln – denjenigen, die ich meide.

Aber dann wird Jesus „konstruktiver“, gewissermaßen städtebaulich. Denn dann ist von einer Stadt die Rede, die auf einem Berg liegt und die sich deswegen nicht verstecken kann. Es folgt das ebenfalls zur festen und beliebten Wendung gewordene Bild vom Licht, das man bitteschön nicht unter den Scheffel (altes Wort für einen Holz- oder Metall-Eimer, liebe Con&Non-Boomers 😉 ) stellen soll. Wer es im Klartext haben möchte, bekommt es in Vers 16 vom Meister JC passend geliefert: „So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen.“

Als Kirchen-Insider, der ich seit vielen Jahren bin (übrigens nach ziemlich langer Abstinenz), muss ich zugeben, dass mir der ganze Abschnitt zwar dem Wortlaut nach geläufig ist, ich mit dem persönlich Angesprochensein aber immer meine gepflegten Schwierigkeiten hatte. Von einer bewussten Umsetzung ganz zu schweigen.
Aber genau bei letzterem Punkt lernte ich am vergangenen Samstag eine gewichtige Lektion. Dank einer Predigt, die… ich hier nicht wiedergeben werde, keine Sorge. Statt dessen gibt es gegen Ende das Statement eines anderen Wortgewaltigen, der leider nicht mehr unter uns lebt. Und der auch kein Berliner war.

Der Berliner Prediger wies am Samstag auf ein Detail des ersten Satzes der oben zitierten Schriftstelle hin. „Es geht nicht darum, dass wir etwas leisten sollen, dass wir uns bemühen müssten, Salz zu sein. Wir sind es schon!“
Und ich möchte hier ergänzen, dass sich nach meinem Verstehen eine Ermutigung anschließt, zusammen mit ein paar Hinweisen, wie sich das Salzige Dasein performen lässt.

Mein Salz-Bewusstsein wurde am Freitag geweckt, ganz bei-läufig. Buchstäblich beim Laufen kamen mir einige Gedanken, die Salz in sich hatten, es aber auch gleich in offene Wunden streuten.
Freitags bin ich immer etwas im Stress. Das liegt an ziemlich anstrengenden Diensten, die mir an diesem Wochentag massiv und bis in den späten Abend abgefordert werden. Die vier jeweils knapp halbstündigen Fußmärsche zwischen den Diensten nutze ich, um meine Gedanken auf Fragen zu konzentrieren, die nichts mit meinem aktuellen Job zu tun haben. Die um so wichtiger sind.
Am vergangenen Freitag war eine dieser Fragen mit einer früheren lieben Studienbekanntschaft verbunden, von der ich Wochen zuvor (auch an einem Freitag) nach mehr als 20 Jahren endlich wieder etwas gehört hatte. Und die sich jetzt, da ich geantwortet hatte, nicht wieder meldete. „Vielleicht war es zu viel, was ich geschrieben habe.“ Und der anderen Seite somit unangenehm.

Es gibt für mich keinen größeren realistischen Horror, als jemandem, den ich mag, auf die Nerven zu gehen. Insofern war klar, dass ich keinen neuerlichen Kontaktversuch unternehmen würde, obwohl mir der verlorene und unverhofft wiedergefundene Mensch gerade besonders gut tun könnte. Dank Geist, Wesen und (An–)Sprache. Ein Ausspruch dieser Person kommt mir immer wieder in’s Bewusstsein und in ihm geht es um die Stelle aus dem Matthäus-Evangelium. Erstes Vorkommen des salzigen Leitmotivs also am Freitag.
Der Ehrlichkeit halber muss ich dazusagen, dass ich bereits einige Tage vorher auf dem Schirm hatte, welches Evangelium bei den drei folgenden Orgeldiensten an der Reihe war. Wenigstens der Gedankengang vom Freitag ließe sich also auf eigene Hirn-Verrenkungen zurückführen.

Wo die Murmel sich zu verrenken droht, wächst manchmal aber auch Erkenntnis. Hier die Erkenntnis, salzig zu sein.
Das heißt zunächst, manchen Menschen nicht zu schmecken, sei es zeitweise oder anhaltend. Den zwei Hipstern, denen ich an der morgendlichen S-Bahn-Station begegnete, wäre ich wahrscheinlich quer im Halse stecken geblieben. „Hat hier einer Crystal Meth?“ fragte der eine – sicherlich scherzhaft – in die muntere Runde der Leute, die sonntagmorgens um kurz vor 8 auf dem Bahnsteig standen. (Oje, dieser Absatz wird meinem Blog jede Menge Spam-Kommentare einhandeln, aber sei’s drum.)
Ich hatte nie eine Neigung zu bewusstseinsverändernden Substanzen, nicht einmal probieren wollte ich so etwas und konnte es stets umgehen. Mit einer ansonsten besten Studienfreundin habe ich mich deswegen mal fast überworfen. Es lebe der Irrealis. You have been warned, folks. Wenn Ihr mir Kristalle schenkt, dann bitte nur welche aus purem Natriumchlorid.

Das Schöne beim Salz-Sein ist, dass es auch mal ohne die Ecken und Kanten eines Kristalls geht. Ja, ganz ohne bewusste Formgestaltung. „Be water, my friend“ sagte hellsichtig der berühmte Bewegungskünstler Bruce Lee (1940 – 1973).

In dem Interview, das der kanadische Autor Pierre Berton 1971 mit dem Martial Arts-Star führte, ging es zugegebenermaßen nicht um Salzwasser. Aber darum, die eigene Existenz wirklich zu leben. Lee beschreibt sehr schön den Unterschied zwischen den Fähigkeiten, die er trainieren muss, um Aufsehen zu erregen – und dem wahrhaftigen Seins-Ausdruck, der formlos ist und bleiben muss. Ej, wie 70er-mäßig ist das denn? Aber voll!

Und wahr zugleich. Die 70er waren eben nicht nur die Zeit von love and drugs, sondern auch von love and peace. (Rock’n’Roll ist auch nicht ganz unwichtig, aber dazu komme ich ein andermal.)
Ich schrieb letztes Jahr hier im Blog, dass ich in puncto Erziehung ein Kind der 70er bin. Hätte ich Kinder, würden die mich wohl nicht als Hippie wahrnehmen, aber in mancherlei Hinsicht bin ich es. Hippie und im Herzen ein Rock’n’Roller, wobei letzteres ein guter Freund über mich gesagt hat.
Den versteckten Hippie mache ich an meinem Kirchenmusik-Geschmack fest. Ja, Freunde, nachdem Ihr mir bis hierher lesend gefolgt seid, gibt es etwas auf die Ohren. Natürlich etwas aus den 70ern. Peace! Und Leben.

P.S. Ich möchte dem Komponisten der Melodie von „Symbolum ’77“ und seinem Musikverlag meinen großen Dank aussprechen, dass ich mein Video ohne Probleme veröffentlichen konnte. Grazie, professore Sequeri.

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