Auf dem Weg aus Rom

Moment, es heißt doch „Alle Wege führen nach Rom“! – Heute geht es im Lautwert-Blog um die umgekehrte Richtung.

Ich bin sehr reiselustig. Jedenfalls war ich es vor der Pandemie und hoffe es danach wieder zu werden. Dabei können mir Liegestühle, Bars und Halligalli jeden Zuschnitts komplett gestohlen bleiben. Ich bin kein Party-Gänger. Nimm das, Berlin. Mit mir hast Du eine Spaßverderber-Laus im Bärenfell!
Dass Berlin als Feier-Hotspot trotzdem ungebrochen meine Traumstadt ist, allen aktuellen Einschränkungen und Verfremdungen zum Trotz, hat mit einer anderen Eigenart der Hauptstadt zu tun. Berlin ist und bleibt ein Schmelztiegel der besonderen Art.

Ich bin kein Fachmann für Metallwissenschaft, aber ich denke, in einer normalen Schmelze sollen sich Legierungen bilden, die mit ihren Ursprungsstoffen nichts mehr zu tun haben. In Berlin bilden unterschiedlichste Kulturen etwas Neues, bleiben dabei aber erkennbar. Ach, ich liebe diese Stadt einfach. <3

Das war auch schon 2015 so, als ich meinen ersten musikalischen Adventkalender in’s Netz brachte. Mein Multikulti-Vorsatz: Jede der vier Advent-Wochen sollte durch Liedgut aus einer Sprache respektive Musikkultur besetzt sein. Für drei Regionen besaß ich Liederbücher mit genug Material, um jede Woche sieben Stücke am E-Klavier einzuspielen: Die alte und neue katholische Gotteslob-Ausgabe, das schwedische katholische Gesangbuch „Cecilia“ und ein polnisches Liederbuch, das mir in den 90er Jahren ein Priester aus Lublin geschenkt hatte. Vier Bücher, aber nur drei Regionen. Wie die noch offene Advent-Woche ausstatten?

Anno 2015 war ich noch intensiver Facebook-Nutzer. Meine Fb-Freunde waren handverlesen, deshalb auch nur 210. Es bedurfte eines persönlichen Kennenlernens oder wenigstens des Wunsches danach, um in diesen erlesenen Zirkel aufgenommen zu werden.
Einige Hundert Leute hätten theoretisch die Chance gehabt. Als Fachdozent der Stiftung Journalistenakademie Dr. Hooffacker in München hatte ich im Laufe von damals 14 Jahren rund 1.500 Schützlinge betreut. (Nein, nicht alle zusammen, auch vor SARS CoV2 abwegig) Nicht alle Lernenden freunden sich mit jeder Lehrkraft an, daher blieb die Anzahl meiner Münchener Facebook-Kontakte überschaubar.

Mein Freund und damaliger Kollege Steve staunte immer wieder, wie viele Namen ich mir aus den Kursgruppen merkte. Er meinte zum Beispiel: „Weißt du noch? Damals diese taffe Frau, die…” – Ich darauf: „Ja klar, Sabine Musterfrau aus dem OJ 8.” (Name verfremdet 😉 )
Mein Trick: Erstens verfüge ich über ein sehr gutes Gesicht-und-Namen-Gedächtnis. Dafür ist mein Zahlengedächtnis katastrophal schlecht. Und zweitens, viel interessanter: In jeder Gruppe gab es zwei bis drei Leute, die ich für mich als spiritus rector abspeicherte. Die mehr oder weniger regelmäßigen Kontakte dieser Menschen innerhalb der Journalistenakademie verknüpfte ich gedanklich und konnte mir so eine Menge Gesichter samt Namen merken.
Eine solche spiritus rector-Gestalt war Isabella Gräfin von Luxburg. Die schönste Geschichte, die ich mit ihr erlebte, hat mit dem 2010 verstorbenen Walther von La Roche zu tun. Es ging um eine Vorstellung – bei der ich versehentlich ein „von” im Namen verpasst bekam.
Einige Jahre, nachdem Isabella v. Luxburg mich so geadelt hatte, hihi, fand ich über FB heraus, dass sie gerade in Rom weilte. Just als ich adventliche Musik aus dem Bel Paese brauchte! Flugs kontaktierte ich per PM die früher zeitweilige Wahl-Münchnerin in der Ewigen Stadt am Tiber. Und ich bat sie, mir doch, wenn irgend möglich, ein paar Lied-Noten zu schicken.

Zu meiner freudigen Überraschung reagierte sie sofort und überaus positiv. Sie schickte mir einen ganz Stapel Noten – in digitaler Form, Stapel wurde daraus erst nach dem Ausdrucken. Mein musikalischer Adventkalender numero uno war gerettet.
Die die Noten begleitende Nachricht muss ich erst wieder aus dem Archiv ausgraben, regelrecht archäologisch. Aber soviel weiß ich noch: Dass mir beim Lesen der Zeilen aus Rom die ziemlich energische junge Frau vor dem geistigen Auge stand, wie sie reihenweise römische Kirchen abklapperte, um Adventlied-Noten für den verrückten Wahl-Berliner abzugreifen.

Als kleines Dankeschön versprach ich ihr damals eine CD mit dem kompletten musikalischen Adventkalender, ergänzt durch zwei Stücke zu Weihnachten. Ich hatte keine Postanschrift, deswegen blieb die CD in Berlin.
Fünf Jahre später ist mir die Postanschrift nach wie vor unbekannt und ich habe Facebook vor längerem den Laufpass gegeben. Nix mehr mit PM. Was bleibt, sind schöne Erinnerungen und, tja, neue Projekte. Trotz des wahn-sinnigen (wörtlich zu verstehen) Erfolgs von 2015, baue ich gerade an einem zweiten Adventkalender. Das Grundprinzip ist gleich geblieben: Jeden Tag gibt es ein adventliches Klavierstück. In der Regel spiele ich jeweils am frühen Morgen spontan etwas, geplant wird nicht, auch nicht in Sachen Herkunft.

Mindestens bis zum heutigen Gaudete-Sonntag ist kein italienisches Stück im Lautwert-Adventkalender 2020. Aber es gibt ja noch andere Plattformen, wo ich mit Musik um mich werfe: Per Youtube, auf Instagram (FB-Eigentum, leider) und vielleicht bald auch mal wieder auf Twitter.
Und eben auch hier, auf Lautwert.de.

Deswegen für alle, die bisher gelesen haben, ein echter Leckerbissen aus St. Richard Berlin Neukölln. Ich bedanke mich herzlich bei der Sopranistin Marta Janev, die „Il tuo popolo in cammino“ wunderschön gesungen und mir erlaubt hat, die Aufnahme von heute Morgen hier zu veröffentlichen.

Dein Volk auf dem Weg – so heißt das im Original als Chor-Stück komponierte Lied von Pierangelo Sequeri (geb. 1944), das Isabella v. Luxburg damals in einer römischen Kirche einpackte und auf den Weg nach Berlin schickte. Grazie. A presto, cara contessa! Ich würde mich sehr freuen, mal wieder von Ihnen zu hören.

2 Gedanken zu „Auf dem Weg aus Rom

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