Die Nase oben tragen

Nanu, heute so gar nicht theologisch angehaucht? – Nö, eher hochnäsig. Aber dankbar. Zum Vierten Advent 2020.

Diesen Advent-Sonntag hatte ich mir anders vorgestellt. Ganz anders. Aber ich bin zufrieden.

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Ich bin ein Familienmensch. Auch wenn ich keine eigene Familie gründen konnte. War einfach nicht vorgesehen. Und wie eine gute Freundin einmal anmerkte: Der Liebe Gott wird sich etwas dabei gedacht haben.
Was für mich an familiären Interaktionen zum Advent gehört, ist musikalisches Verbundensein. Oder wenigstens das schmerzliche Vermissen desselben. Was ich in den vergangenen Jahren auszugleichen suchte, indem ich meine entfernt lebenden Angehörigen mit Aufzeichnungen meines Orgelspiels und von Chor-Einsätzen versorgte.

Dieses Jahr, im verrückten Annus horribilis 2020, läuft das anders. Okay, Orgelspiel ging die letzten Wochen, E-Klavier sowieso und mit digitalen Kanälen kenne ich mich aus. Chor-Aktivitäten gibt es dagegen ebenso wenig wie Begegnungen „in real life mode“ – mit Umarmungen, Beisammenstehen und so weiter. Statt dessen Distanz, Distanz und nochmals Distanz. Zum k… äh, kräkas. 😉

Zu Weihnachten soll es bei mir dieses Jahr nicht so laufen, habe ich mir vorgenommen. Bei einem Zoom-Meeting vergangenen Freitag wurde mir das wieder klar: Obwohl ich alleine lebe – mal volens, mal nolens – habe ich das Glück, mit lieben Menschen verbunden zu sein. Die eben großteils in weiter Ferne leben. Aber das gehört zu dem Preis, den ich für meine Eigenständigkeit zu zahlen habe und auch zahlen kann. Mein Mentor P. Richard Loftus SJ seligen Angedenkens war in dieser Frage Amerikaner duch und durch. „Gottes Liebe ist gratis. Aber sie kostet etwas. Jede Liebe kostet etwas.“ Das war Teil seines Credos, an dem ich lange kaute, immer noch kaue, das aber einfach wahr ist.

Heute, am vierten Advent, konnte ich mit dem Tagespreis für meine Liebe zu Eltern, Bruder, Schwägerin und Nichte gut leben. Was ich am Vorabend noch nicht wusste: Der Preis würde noch steigen.
Ich bin in medizinischen Dingen nicht allzu bange. Als Kind hatte ich höllische Angst vor ärztlichen Aktionen im allgemeinen und Spritzen im besonderen. Beide Ängste konnte ich mir abtrainieren. Ein freiwilliges Pflegepraktikum während meiner Studienzeit war eine ebenso herausfordernde wie nachhaltige Medizin. Dabei keineswegs bitter. Ich musste mich eben zu manchen Dingen zwingen. Zum Beispiel ganz genau hinzusehen, als eine super Ärztin einem Patienten eine Injektion in die Armvene gab. Seitdem würde ich mir die Nadel am liebsten selber reinhauen, wenn es denn sein muss. Gerne auch IM oder subkutan, läuft. Ich habe auch kein Problem mehr, hinzugucken, wenn jemand anderes fachmenschlich zu-„schlägt“. Also alles im grünen Bereich. Da sollte mich ein einfacher Nasen-Rachen-Abstrich doch nicht erschüttern, oder?

Dachte ich. Aber am Morgen des 4. Advent beobachtete ich bei mir wider Erwarten doch eine gewisse Nervosität. Eine ziemlich heftige sogar. Als Sonntag war der letzte Advent 2020 eine totale Niete.

Dabei kann ich nicht sagen, was mir näher ging: Die Aussicht auf eine bisher unbekannte Untersuchungsmethode – oder das ziemlich stressversprechende Verfahren. „Erscheinen Sie pünktlich, aber nicht vor ihrem Termin.” Als jemand, dem kaum etwas peinlicher ist, als zu spät zu kommen, bin ich immer früher da! Ich muss mich ja nicht anstellen, wenn es keine Schlange gibt, ich kann mir liebend gerne die Beine vertreten.
Aber es kam, wie ich es mir gedacht hatte: Als ich in Kreuzberg eintraf, ein jetzt wirklich letztes Mal für 2020 mit dem Fahrrad, sah ich eine Warteschlange von gut 200 Meter Länge. Zweihundert Meter. Eine Boa constrictor der Extraklasse, Grzimek hilf!

Wer mich besser kennt oder früher schon im Lautwert-Blog gestöbert hat, weiß, dass ich Schlangen sehr mag. Ernsthaft! Ich finde Reptilien wundervoll. Diese Eleganz, gepaart mit schwer zu durchschauendem Verhalten ohne jede Gefahr der Vermenschlichung.
Was für geschuppte Kriechtiere mit oder ohne Giftzähne gilt, muss aber nicht für Menschenreihen gelten. Zumal zu Pandemie-Zeiten, in denen gedrängte Enge bei gleichzeitiger Bewegungsarmut noch unangenehmer sind als sonst.

Die Warteschlange vor dem Schnelltestzentrum, die durch einen klaren Terminvergabe-Plan doch verhindert werden sollte, war ein wahrhaftes Prachtexemplar. Wie mich einreihen, dass ich einigermaßen pünktlich beim Eingang stünde? Die Frage stellte ich mir tatsächlich, selbstverständlich lautlos und maskiert.
Und wie soll ich sagen: Kein Stress in Sicht, statt dessen pures Bauchgefühl. Vielleicht auch ein Tick Erfahrung, denn vor einem Vierteljahrhundert konnte ich Menschenschlangen tagtäglich studieren. Rein instinktiv stellte ich mich um 13:27 Uhr an und – stand minutengenau zur vorgesehenen Zeit an der Rezeption. Um Minuten später in eine Kabine geführt zu werden, wo mir ein toller junger Arzt (super, Mann!) eine doppelte Abreibung verpasste. „Haben Sie schonmal einen Test gemacht?“ – „Nur einen PCR-Test.“ – „Der hier ist so ähnlich. Nur dass ich zweimal durch die Nase gehe und das ein bisschen unangenehmer ist. Dafür ist es ganz schnell vorbei.“
So war es.

Wer von Euch, liebe Leser*innen, mit dem Gedanken spielt, sich einen Schnelltest machen zu lassen: Keine Angst, es tut nicht einmal weh. Wenn ein Schluck Suppe oder ein Brotbrocken in den falschen Lift steigt, ist das fieser. Und wenn dann nach einer halben Stunde der negative Befund da ist – Jubel! Wenn es „positiv“ und so negativ für eigene Fest-Pläne ausgeht: Es gibt da so einen Kehrvers im katholischen Gotteslob, den ich noch mehr mag als echte Schlangen vom Schlag einer Äskulapnatter (träum…) – Nummer 634.3:

Richtet euch auf
und erhebet euer Haupt;
denn…

Wie es weitergeht, könnt Ihr selber nachlesen. 🙂 Und wenn nicht, weil Ihr mit Gotteshäusern und Gesangbüchern eher nichts zu tun habt?

Dann könnt Ihr am Montag den 21. Dezember das Kläppchen Nummer 21 im musikalischen Lautwert-Adventkalender 2020 öffen. Da steht’s. Ist zwar kein Mitsing-Knaller, aber tut euch keinen Zwang an und singt. Aus vollem Hals. Hört ja keiner im Home-Office.

So oder so, traut Euch, die Nase in gesunder Weise hoch zu tragen! Davon wird man noch lange nicht hochnäsig.

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