Kindersegen

Keine eigenen Kinder? Ich empfinde das für mich als Mangel. Lässt der sich nicht beheben?

„…Der Thorsten ist ganz alleine…“ Dieses Wort aus Kindermund tat nicht nur Wahrheit kund, sondern schmerzte auch. Ich bin trotzdem dankbar, dass es mir überbracht wurde.

Auch auf die Gefahr hin, spezielle Präparate von den Spammerhorden da draußen angeboten zu bekommen – es deutete sich schon früh an, dass ich niemals Familienvater würde. Seit vielen, schrecklich vielen Jahren knabber ich an dem Herrenwort aus Mt. 19,12. Ich bin noch lange nicht fertig damit. Zur dritten Kategorie der „Ehelosen“, die im griechischen Urtext übrigens „Entmannte“ genannt werden, gehöre ich jedenfalls nicht. (So, und jetzt spammt los, ihr digitalen Dumpfbacken!)

Man sagt mir nach, dass Kinder und ich super miteinander zurecht kommen. Das gilt natürlich nicht ohne Ausnahmen, ich habe schon ziemlich dusselige Blagen erlebt, woll? Aber keine davon im Verwandten oder Freundeskreis. Und was die Ausnahmen angeht – jeder hat mal einen schlechten Tag. Auch das Quengelchen, das vor Jahren einen U-Bahn-Waggon in München aufmischte. 😉

Ich liebe es, wenn Kinder ohne Filter reden oder handeln. Letzteres nennt man auch Spielen und das ist eine Kunst, die Erwachsene von Kindern (wieder) lernen können. Und sollten? Weil es in meinem Zuhause keine Kinder gibt, ist für mich Homeschooling keine Option. Und zu Zeiten der anhaltenden Kontaktbeschränkung fällt mindestens eine weitere Lerneinrichtung weg: die Kirchengemeinde.

Auch wenn ich als Alleinlebender ohne pädagogische Qualifikation nie für Erstkommunion-Gruppen oder ähnliches in Frage kam, ich habe es immer genossen, wenn etwa Mama oder Papa mit ihrem Kind auf die Orgelbühne stieg und ich dem potentiellen Kirchenmusik-Nachwuchs das wunderschöne Instrument vorstellen durfte. Ich hatte mein erstes Date mit Regina I. erst kurz vor dem Abi. Ich erinnere mich, dass ich als frischgebackener Gymnasiast so manches Mal sehnsüchtig zur Orgel hinauf blickte. Ich konnte ja nicht ahnen, dass der Organist wenige Jahre später mein erster Klavierlehrer werden sollte.

Der wurde spät Vater. Nach den Maßstäben einer westfälischen Kleinstadt fast zu spät. Als Teenager bekam ich mit, dass die der späten Vaterschaft zugrunde liegende Beziehung alles andere als einfach war. Viel prägender aber: Ich lernte, dass harmonische Zweisamkeit auch sehr viel später möglich bleibt, wenn gemeinsame Elternschaft ausgeschlossen ist. Insofern, vielleicht… aber lassen wir das. Ich habe mir schon wieder einen Kommentar eingehandelt, den ich nicht veröffentlichen werde. (Neben den Dutzenden, bei denen ich das nie mache. Stichwort Blacklist. Erzittert, ihr Roboter!)

Bei Frauen, die ich ins Herz schloss, störte mich nie, wenn die Kinder mit in die Beziehung gebracht hätten. Es kam nie so weit, aber für mich wäre eher entscheidend gewesen, wie die Sprösslinge mich gesehen hätten. Über einen längeren Zeitraum, denn dass anfangs Eifersucht und Abwehr beinahe zwangsläufig sind, konnte ich bei einigen Bekannten von ferne beobachten. Welches Kind wird schon gerne entthront? Sei es von einem Geschwisterchen oder vom „Neuen“ seiner Mama? Dann ist es vorbei mit der kindlichen Absichtslosigkeit. Naiv sind Kinder nur, wenn sie wunschlos glücklich sind. Meine Erfahrung, mehrfach belegbar. Wenn ein Kind seinen Willen nicht kriegt, können sich Intriganten vom Kaliber eines Shakespeare-Schurken warm anziehen. Ganz warm. Mindestens mit sibirischem Pelzmantel.

Gehört der also zur Standardgarderobe christlicher Eheleute wie Brautkleid und schwarzer Anzug?

In Osteuropa wurde ich einmal zum Trauzeugen einer kirchlichen Hochzeit ganz ohne Zierrat und feine Gewänder bestellt. Im Eheschließungs-Formular steht meines Wissens nichts von festlicher Kleidung. Von Kindersegen dagegen schon.
Ich bin bekanntlich römischer Katholik und weiß daher nicht, ob dieses Herzensanliegen vieler Paare in anderen Gemeinschaften auch so eine wichtige Rolle spielt, ja, eine Voraussetzung ist. Salopp gesagt: Bei uns Römern gibt es den einen Segen nicht ohne den anderen. No baby, no hyme(-n).

Psst. Ich weiß, wie man kirchlich korrekt zum Kindersegen ohne Gespons kommt.

Ich kam auf den Trichter, als ich an einer evangelischen Kirche vorbei lief. Im Schaukasten der Gemeinde wurde auf einen Kindergottesdienst hingewiesen. Mutmaßlich eine regelmäßige Veranstaltung, wie sie hoffentlich auch in meiner katholischen Gemeinde wieder stattfindet. Wenn die verflixten Viren ihren Schrecken verloren haben.

Weil ich auf dem Feierabend-Heimweg war, der mit acht Kilometern Wanderstrecke ein gewisses Tempo erforderte, las ich das Wort „Kindergottesdienst“ anders. Nämlich so:

Kinder Gottes – Dienst

Mein Gehirn kam ein bisschen ins Stolpern, meine heimwärts strebenden Beine glücklicherweise nicht.
Insider vor: Was steht bei einem Kindergottesdienst im Vordergrund? – Klar, Vorlesen. Spielen. Reden. Aber das sicher auch: Das Segnen.
Segen kann nach gemeinkirchlichem Verständnis jede getaufte Person spenden. Und Gott sowieso.

Für mich persönlich ist Segen ein Dienst und Dienst, wo er gut ist, ein Segen.
Und wenn Gott segnenden Dienst leistet, wen meint Er dann? Na? Was sagt Jesus, wer Gott für uns ist? Also bitte, Herrschaften, das ist erste Stunde Taufvorbereitung… 😀

Riiichtig, Er ist unser Vater. Wir sind folgerichtig seine Kinder. Oft genug Blagen. (‚tschuldigung, das verstehen nur Sauerländer.)

Also, selbst wenn Einzelne keinen Segen mit rundem Gesicht, großen Augen, wundervollem Lächeln und rasiermesserscharfer Zunge bekommen – Kindersegen bekommt unsereins doch. Weil wir selbst Kinder sind.
Und ab und zu, wenn die Kleinen gut drauf sind, können wir sogar von ihnen persönlich gesegnet werden. Das geht ganz einfach, so ein Kreuzzeichen. Muss man nur einmal vormachen.

3 Gedanken zu „Kindersegen

  1. Gerade in Pandemiezeiten wird wohl allen bewusst, wie entscheidend der Ort, die Familie und das Umfeld sind, in welches man geboren wird. Mit diesem Ereignis ist schon ein sehr hoher Prozentsatz des Lebensweges vorbestimmt. Ich wünsche Deinen Zeilen Leser, die ein wenig Zeit und Geist investieren.

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