300

Comic-Kult bei Lautwert.de? Nicht ganz. Aber komisch-lustig wird’s heute.

Eigentlich hätte ich diesen Blog-Artikel „306“ nennen müssen. Denn das war meine Platznummer.
Jedenfalls beim zweiten Anlauf, den ich am vergangenen Samstag morgens unternahm. Um an meine CoViD-19-Impfung zu kommen.

Wobei der Ausdruck „Anlauf“ nicht wörtlich zu nehmen ist. Es ging viel mehr um Stehvermögen und ich musste während der Aktion mehrmals an den Comic „300“ von Frank Miller denken. Beziehungsweise an einen Dialog aus der Verfilmung mit Gerard Butler als Spartaner-König Leonidas. Der steht in einer Szene dem gegnerischen Herrscher Xerxes (im Film als Halbgott dargestellt) gegenüber und klagt über Muskelkrämpfe im Bein.

„…Das Abschlachten deiner Männer hat mir einen richtig lästigen Krampf im Oberschenkel beschert. …“

(Quelle: „300“, Zack Snyder 2007 Warner, Szene 17)

Klar, ich betätigte mich im heimischen Neukölln nicht als Schlächter. Aber ich stamme aus einer Metzger-Dynastie und war passenderweise durchaus mit der Absicht vor die Tür getreten, Unholden den garaus zu machen. Untoten sozusagen. Denn Viren sind weder lebendige Wesen noch wirklich tot. Ein bisschen wie Vampire. Dafür gibt es Viren wirklich, werte Verschwörungsschwurbler. Auch diejenigen, denen wir als Menschen besser aus dem Weg gehen, so weit es uns möglich ist.

Für die Situationen, in denen ich in naher Zukunft nicht mehr das Weite suchen möchte, ließ ich mich durch eine Spritze ausstatten. Eine hat vorerst gereicht.

Um es ganz klar zu sagen: Ich respektiere jede einzelne Person, die für sich und ihr anvertraute Menschen anders entscheidet. Eine Impfung ist ein medizinischer Eingriff und jeder medizinische Eingriff verlangt eine Abwägung, denn es gibt Risiken.

Für mich habe ich beschlossen, dass ich diese Risiken eingehe. Die Risiken einer Nicht-Immunisierung betrachtete und betrachte ich als gewichtiger.

Mit mathematisch sauberer Statistik konnte ich mich leider bis dato nicht vertraut machen. Der Umzug in ein anderes Bundesland zwei Jahre vor dem Abitur machte buchstäblich einen Strich durch die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ich entwickelte zwar eine späte (und anhaltende) Liebe zu bestimmen mathematischen Disziplinen, aber Stochastik gehört nach wie vor nicht dazu. Bei der Frage „Impfung jetzt, später oder erstmal gar nicht“ folgte ich keiner Rechenvorschrift, keinem geheimnisvollen Algorithmus, sondern meinem Bauchgefühl. Unter Einbeziehung meines körpereigenen Rechenzentrums, dessen Strukturen und Gesetzmäßigkeiten mich seit je her faszinieren, ohne dass ich hier ein durchdringendes Verständnis erwarte. Für den Instagram-Kanal von Prof. Dr. Michael Tsokos bin ich unendlich dankbar. Diese tollen anatomischen Einblicke wären mir, einem verhinderten Humanbiologen, ohne diese verflixte Pandemie wahrscheinlich für immer verwehrt geblieben. (Ich wollte schon mal lange sehen, wie eine Dura Mater aussieht.)

Die meisten meiner frühen Freundschaften schloss ich mit Studierenden und Lehrkräften der Biologie. Das war kein Zufall. Denn erstens war Biologie mein ursprünglich gewünschtes Studienfach und zweitens – war die Liegewiese der Regensburger Biologie-Fakultät einfach die schönste. Ach, wie gelassen wir da verweilten. 🙂

Statt „verweilen“ hätten die meisten damals wahrscheinlich schon „abhängen“ gesagt. Aber angesichts der historischen Tatsache, dass unweit der Biologen-Liegewiese bis 1803 der Galgen gestanden hatte, mh. Also, bei mir öffnen sich da ganz eigene gedankliche Verbindungen.

Dass die fast immer für andere nicht nachvollziehbar sind, geschenkt. Ich bin gerne Exot. Vor allem, wenn ich mich zeitweise dann doch in’s gemeine Fußvolk eingliedern kann. Ohne aufzufallen.

So geschah es vergangenen Freitag. Im Rahmen einer extrem kurzfristig angesetzten Kampagne bekam ich die Möglichkeit, mich unverhofft früh gegen CoViD-19 impfen zu lassen. Die Quasi-Einladung bekam ich am Mittwoch-Abend zuvor.
Bewohnerinnen und Bewohner bestimmter Straßen beziehungsweise Straßenabschnitte wurden eingeladen, kostenlos eines von zwei Präparaten (Moderna oder Johnson & Johnson) gespritzt zu bekommen. An einem von drei aufeinander folgenden Tagen bis zu 10.000 volljährige Personen, jeweils zwischen 10 und 18 Uhr, ohne weitere Einteilung, alle an einem einzigen Ort. – Mein erster Gedanke war: Organisatorischer Wahnsinn. Dann dachte ich: So viele werden schon nicht kommen und ich habe es nicht weit. Fünf Minuten zu Fuß, wenn ich es ruhig angehen lasse.

Im ersten Anlauf (hihi) wurden aus den gewohnten fünf Minuten sage und schreibe fünf Stunden. Dann gab ich auf. Die Lage war einfach hoffnungslos und ich war mit leerem Magen angetreten. Die Bundeswehr war auch präsent! Die Soldaten waren möglicherweise früher als ich aufgestanden – ich Schlappi hatte mich ja erst gegen Halb Sieben aus den Federn geschält. Aber die Uniformierten hatten bestimmt gefrühstückt. Und hatten außerdem etwas zur Verfügung, was der 700 Meter langen Warteschlange, an die ich mich anstellte, komplett fehlte: Wasser- und Nahrungs-Versorgung sowie sanitäre Anlagen. Viele waren in WG-Stärke gekommen beziehungsweise bildeten spontan Netzwerke. Durch deren Maschen ich leider durchrutschte. Flutsch. Trotz Flüssigkeitsmangel.

Am zweiten Tag der Aktion stand ich nicht früher auf, stellte mich aber zeitiger an. Diesmal war die Warteschlange zum Zeitpunkt meines Eintritts rund 100 Meter kürzer. Und es waren einige Profis am Start!
„Hier ist Position 300“ sagte ein junger Mann, der später mit mir zusammen ins Impflokal eingelassen wurde. Im Ruhebereich, frisch gestochen, trafen wir uns wieder. Beide hatten wir vier Stunden auf den Pieks gewartet.
„Ich hätte nicht gedacht, dass diese Spritze so schmerzhaft wird“ sagte er. – In der Tat, ein bisschen heftiger als meine drei letzten Impfungen erlebte ich diese Injektion auch. Aber es war leichter zu ertragen als ein Wildbienen-Stich und ungleich lohnender. Der junge Mann, eine weitere Bewohnerin unserer Anlage und ich hatten die gleiche Motivation. Die Bewohnerin brachte es am besten auf den Punkt: „Für mich ist ausschlaggebend, dass ich so bald wie möglich aus der sozialen Isolation raus komme.“

Ich habe versprochen, dass dieser Artikel lustig wird, oder? Also drehe ich hier die Kamera weg und blende nochmals zum Morgen des ersten Anlaufs über.
Ich hätte die Impfung mutmaßlich schon früher haben können, wenn ich am Freitagmorgen nicht meinen Lieblingsfußweg zum Impflokal, das eigentlich eine Grundschule ist, gegangen wäre. So lief ich einem Security-Trupp in die Arme. Okay, die Arme waren nicht offen, weil das beim Quarzen gestört hätte.
Fröhlich und natürlich rauchfrei wünschte ich einen guten Morgen und fragte dann, weil ich außer den rauchenden Wachleuten niemand sah: „Wo ist denn hier das Ende der Schlange?“ Der so Angesprochene fragte kurz meine Anschrift ab, um sicherzugehen, dass ich überhaupt zum Kreis der Geladenen gehörte. Mit meiner Angabe war er zufrieden, nickte und wies dann in meine Geh-Richtung zur nach 200 Metern kreuzenden Sonnenallee. Und mit ganz leicht sadistischem Lächeln meinte er: „Irgendwo da hinten. Viel Spass!“ (Berliner Aussprache, also mit kurzem ‘a‘ 😛 )
„Werde ich haben!“ erwiderte ich ebenso fröhlich wie aufrichtig. Ich war ja so was von motiviert! Dass ich dann nach einem Gang um den Block 20 Meter von meiner Haustür entfernt einen Platz fand, fünf Stunden in einer unendlich langsam kürzer werdenden Monster-Schlange stand… Ein schräger Spaß, leicht bis mittel verrückt. Aber wer die Comic-Verfilmung „300“ kennt, versteht, auf welche Szene ich anspielte, als ich mir sagte: „Wahnsinn? Das ist… Neukölln!“

„Spass“ ist, wenn man trotzdem lacht. Trotz schmerzender Oberschenkel. Wa, Gesandter? (Plumps.) 😀

2 Gedanken zu „300

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