Ohne Relevanz

In aller Munde, aber kaum jemand weiß, was Relevanz eigentlich bedeutet. Weißt Du es?

Ganz ehrlich, auch ich musste erst nachschlagen. Der Begriff kann seine lateinische Herkunft nicht verleugnen und die Silbe „re-“ ist aus anderen Zusammenhängen allgemein bekannt. Auch ihre Bedeutung: Irgendetwas oder jemand bewegt sich zurück. In einigen Fällen geht es nicht um Bewegung, sondern um eine Richtung aus dem Stand heraus. Beispielsweise bei einem Responsorium, einem liturgischen Wechselgesang.

Wen interessiert das? Klar, mich. Weil ich nun einmal diese Leidenschaft für Kirchenmusik habe. Und da wären noch andere exotische Freuden: Barocke Literatur, Texte unbekannter Denker, abgelichtete Details – die Reihe ließe sich endlos fortsetzen. Mein Name sei Nerd.

Aber so bin ich und bin es schon sehr lange. Hätte ich es auf breite Wirksamkeit abgesehen – kein Gedanke.
Vor ein Tagen stieß ich auf ein YouTube-Video, das sich Vieltausender Klicks erfreut. Binnen weniger Stunden wohlgemerkt. (Mein eigener Spitzenreiter hat für seine 3717 Abrufe satte zwei Jahre gebraucht.)

Was mich wurmte: Das besagte erfolgreiche Filmchen bedient ein Publikum, mit dessen Umtrieben ich mich seit 2018 herumschlage. Wobei die Lage immer schlimmer wird. Stichwort: Gangs.
Vor meinem Schlafzimmer-Fenster treffen sich in lockerer Folge, also ohne erkennbaren Terminplan, zuliefernde Händler. Immer nachts, gerne zwischen 23 und 4 Uhr. Nicht auf der Straße, sondern auf einem privaten Platz, auf dem Mitglieder unserer Genossenschaft ihre Ruhe haben sollen. Eigentlich.

Was die besondere Qualität dieser nächtlichen Markt-Veranstaltungen ausmacht: Die Marketender (beliefern ja auch Krieger, wa?) werden immer dreister. Sie kennen zum einen ihre Rechte (z.B. keine Bild- und Ton-Aufnahmen, Zivilisten haben ihnen gar nichts zu sagen), zum anderen die Lücken des Systems. „Ruf doch die Polizei, Opa. Die kommen sowieso nicht.“ Auf letztere Ansage folgen normalerweise Sätze, die ich hier nicht wiedergeben werde, um nicht selbst mit derlei Ungeist in Verbindung gebracht zu werden. Das Netz vergisst nichts, ordnet aber gleichzeitig vieles falsch zu. Es lebe der Algorithmus mit all seinen versteckten Fehlerquellen. Ironie-Modus Ende.

Wie sehr künstliche Intelligenz danebenliegen kann, selbst, wenn sie gut gemeint ist, erfuhr ich wieder vor etwa zwei Wochen.
Mein Lautwert-Blog war noch in der Sommerpause, aber hinter den Kulissen war ich schon wieder fleißig.

Johann-Michael Moscherosch

Johann-Michael Moscherosch (1601 – 1669)

Schon seit etwa 30 Jahren brenne ich darauf, einen 800-Seiten-Roman aus dem 17. Jahrhundert zu lesen. Geschrieben hat ihn Johann-Michael Moscherosch.
Ich Versuche verzweifelt, mich zu erinnern, in welchem Zusammenhang ich von diesem Schriftsteller mit bunter (und blutiger) Lebensgeschichte zum ersten Mal las. Aber ich weiß noch haargenau, wo die „erschte bagegenisch“ (sorry, Jiddisch-Ignoranten 😉 ) stattfand: Im Germanistik-Lesesaal der Uni Regensburg.
Ich war augenblicklich fasziniert von diesem Menschen. Ein echter Nerd – wobei dieser Begriff mir damals noch nicht geläufig war. Genauso wie der Roman, der guten Gewissens als Opus Magnum von Moscherosch gelten kann. Das Problem war nämlich, dass es nur einige wenige Exemplare der beiden Drucke (1642 und 1650) über die Jahrhunderte geschafft haben. Und keines davon lag zu meiner Studienzeit in Regensburg.

In den Zehnerjahren des jetzigen Jahrhunderts habe ich es immerhin geschafft, ein Faksimile per Fernleihe nach Berlin Neukölln zu bestellen. Aber ich durfte es nur in den Räumen der wegen Pandemie-Einschränkungen schmerzlich vermissten Helene-Nathan-Bibliothek in die Hände nehmen und nach spätestens zwei Wochen musste der Band den Heimweg antreten. Zu wenig Zeit, um die gut 800 Seiten abzuschreiben oder mit dem Smartphone abzufotografieren. Wenn letzteres überhaupt erlaubt gewesen wäre, dafür hätte ich das Buch ja ziemlich grob behandeln müssen. Seiten glätten. Geht gar nicht bei einem Faksimile.

Andere haben da weniger Skrupel. Und vor allem mehr Macht.

Im Rahmen seines Plans, alle verfügbaren Bücher zu digitalisieren, hat sich Google auch die „Wunderliche und Wahrhafftige Gesichte Philanders von Sittewald“ von J.M.M. vorgeknöpft und zwei digitale Versionen davon ins weltweite Datennetz gestellt.
Die PDF-Version ist das, wovon ich seit Jahren geträumt habe: Eine exakte Kopie des Drucks von 1650. Wie gut, dass ich keine Angst vor Frakturschrift habe. 🙂

Ein Albtraum ist für mich allerdings die ePub-Version des Buches. Denn: So eindrucksvoll die OCR-Fähigkeiten der Google-Digitalmechanik auch sein mögen – in unregelmäßigen Fraktur-Lettern scheitert sie. Mit Volldampf vor die Wand. Da werden Ligaturen zu diakritischen Transliterations-Zeichen und griechische Buchstaben zu Schlimmerem. (Hihi, ich sollte das beim nächsten Stoffmarkt den Bubis vor die Füße projizieren. Mal sehen, was die Arab-Boys daraus lesen. Alta, `ch schwör. 😀

Hebräische Passagen gibt es in Moscheroschs Roman. Auch lateinische und griechische. Und das barocke Hochdeutsch brächte die meisten von Euch, werte Blog-Lesende, zur Verzweiflung. Kleine Kostprobe gefällig?

So lang ich allda verharret / war mir der letzte tag eben wie der erste. Jener Schweitzer / welcher zwanzig Jahr in des Königs Leibwacht gewest / und doch noch nicht drey Wort Frantzösisch reden konte / deßwegen von einem Freund befragt und gescholten / gab zur antwort: waas wott eyer i zwantzig Jährli löhrä?

Also gar latzt sich die Welt in so wenig Jahren nicht erkennen.

Worte für Millionen? Sicher schon damals nicht, im 17. Jahrhundert, als der Mann aus dem heute zu Baden gehörenden Willstätt, seine Satiren (würde man jetzt dazu sagen) schrieb.
Damals war es nicht selbstverständlich, dass jemand lesen konnte. Und schon gar nicht mehrere Sprachen beherrschte, lebende wie „tote“. Hans Michel, wie er sich selbst im Buch nennt, hatte es drauf. Weitgereist, jobmäßig flexibel (Hauslehrer, Polizei-Chef von Straßburg, fürstlicher Berater, wow, great range), 14 Kinder mit drei Frauen (zwei zu seinen Lebzeiten gestorben) – na, das gäbe heute ein CV…

Ob der Text aber auch ein Publikum fände? – Ich probiere es aus. Heute tische ich meinen Lesekreis-Freundinnen und dem Freund (wir sind paritätisch besetzt, ist mir wichtig) eine Portion Moscherosch auf. Und vielleicht versuche ich dann, dem Barock-Roman Relevanz zu verschaffen. Denn der Begriff „Relevanz“ bedeutet ursprünglich: Etwas auf der Waage wieder nach oben bringen. Mh. Oben ist bei der Waage doch eigentlich das Leichte, oder? 800 Seiten Frakturschrift-Text leichter zu machen als etwas Anderes – Na, da habe ich mir etwas vorgenommen.

2 Gedanken zu „Ohne Relevanz

    1. Ja, die Spiele haben wieder begonnen.
      Mal sehen, wann mir das nächste Mal ukrainische Baustoff-Lieferanten Sand, Beton und Co für meine Datscha am Schwarzen Meer anbieten. 😉

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